Ihr Portal für Gesundheit,
Naturheilkunde und Heilpflanzen

natürlich gesund

Bakterien gegen erhöhtes Cholesterin?

© norman blue - Fotolia.com

Bakterien und der Stoffwechsel

Bestimmte Darmbakterien greifen in den Stoffwechsel ein und können so Einfluss auf die Cholesterinwerte und sogar das Gewicht nehmen.

Von: Dr. Corinna Cappellaro

Darmbakterien beeinflussen unser ganzes Leben

Dass unsere Darmbakterien zahlenmäßig in der Überzahl sind, dürfte keinen mehr erstaunen. Dass sie aber offensichtlich einen erheblichen Einfluss auf unser Leben haben, ist eine neue Erkenntnis. Während man früher von einer strikten Darmbarriere ausging, weiß man heute, dass etwa 30 % der niedermolekularen (kleinen) Verbindungen im Blut aus dem Darm kommen. Und anscheinend sind diese Verbindungen nicht alle unwirksam. So wird ein Mäusestamm aggressiv, wenn er die Darmflora eines aggressiven Stammes erhalten hat. Andere Versuche belegen eine Wirkung auf das Angst- und Depressionsverhalten von Mäusen. Diese spektakulären Versuche sind aber nur Mosaiksteine in einem schnell wachsenden Forschungsfeld.

Zeig mir deine Keime und ich sage dir, wer du bist?

So extrem ist es zwar nicht, aber man kann an den Darmkeimen schon Verwandtschaften und einige Krankheitsneigungen ablesen. Wenn zum Beispiel bei alten Menschen die Darmflora verarmt, sind sie meist auch pflegebedürftig. Auch bei entzündlichen Darmerkrankungen nimmt die Ernährung und Darmflora Einfluss auf den Verlauf. Relativ neu ist auch der Befund, dass viele dicke Menschen eine deutlich andere Darmflora beherbergen, als dünne Menschen und sie kommt als eine der vielen möglichen Ursachen für Übergewicht in Betracht. Sogar die Cholesterinwerte im Blut lassen sich experimentell über die Darmflora beeinflussen. Seit einigen Jahren führt man in diesem Gebiet gezielte Versuche durch.

Hypercholesterinämie über die Darmflora senken - wie funktioniert das?

Sicher ist hier nicht nur ein Mechanismus am Werk, sondern eine Fülle von Effekten, zum Beispiel:

  • Bakterien fördern die Cholesterinausscheidung: Bestimmte Bakterien im Darm können indirekt die Cholesterinausscheidung über die Galle fördern. Sie enthält Gallensäuren, die der Körper aus Cholesterin eigens herstellt. Die Gallensäuren lösen Fette auf, so dass sie verdaut und absorbiert werden können. Dabei werden die Gallensäuren selbst wieder zurückgewonnen, ein sehr ökonomischer Kreislauf. Bakterien können diesen Kreislauf unterbrechen, in dem sie Teile der Gallensäuren abspalten. Die frei werdenden Produkte sind nur schwer löslich und werden daher kaum aufgenommen. Gezeigt wurde diese Spaltungsreaktion für verschiedene Laborstämme der Gattung Bifidobacterium und Lactobacillus. Damit verhindern die Darmkeime also, dass Cholesterin-Bausteine erneut in den Blutkreislauf aufgenommen werden. Um die Gallensäuren zu ersetzen, muss der Körper das Cholesterin aus Blut und Leber verbrauchen. Das Prinzip an sich funktioniert, wie die pharmakologischen Gallensäuren-Absorptions-Hemmer demonstrieren.
  • Bakterien binden verfügbares Cholesterin: Bakterien können sogar Cholesterin aufnehmen und in die eigene Zelloberfläche einbauen. Die Zellen haben dadurch einen Vorteil: sie selbst werden robuster. Das gebundene Cholesterin wird dann auf natürlichem Weg ausgeschieden.

Bakterien, die dünner machen?

Dicke Menschen beherbergen in ihrem Darm einen hohen Prozentsatz an Firmicutes-Bakterien, die komplexe Kohlenhydrate abbauen und daraus Zucker und Fette herstellen. Was in Notzeiten ein Vorteil ist, macht sich bei Überfluss störend bemerkbar: Diese Menschen nutzen praktisch die Nahrung effektiver aus, das macht sich auch beim Cholesterin bemerkbar. Zumindest bei Mäusen kann man zeigen, dass die Darmflora das Gewicht beeinflusst. Man propagiert daher eine gezielte Darmsymbioselenkung, um Firmicutes zurückzudrängen und eine andere Gruppe – die Bacteroidetes – zu fördern. Ob das in der Praxis am Menschen funktioniert, ist noch nicht schlüssig belegt. Immerhin erwirtschaftet die „falsche“, Darmflora einen unerwünschten Energiegewinn von 10 %. Vor allem die Gattung Bifidobacterium findet man im Darm schlanker Menschen, auch viele Lactobacillen-Arten, nur Lactobacillus reuteri fühlt sich offensichtlich eher bei den dicken Zeitgenossen wohl, so die vorläufigen Analysen. Das wiederum mag in der Landwirtschaft nutzbringend Anwendung finden, so setzen Schweine oder Truthähne schneller Fleisch an, wenn sie mit dem Bakterium Lactobacillus reuteri gefüttert werden.

Wer die richtige Darmflora pflegt, hat noch weitere Vorteile:

  1. Gesunde Bakterien wie Bifidobakterien und Lactobacillen sorgen für einen leicht sauren Darminhalt. Darauf wachsen keine Krankheitserreger. Zusätzlich ernähren diese Säuren (wie Butyrate) die Darmwand. Ein Effekt, der zu einer dickeren Darmwand und einer gesünderen und dichteren Darmoberfläche führt.
  2. Die falschen Bakterien im Darm produzieren eine leichte Entzündungsreaktion als Abwehrreaktion des Körpers (auf Enterotoxine und Lipopolysaccharide). Zusätzlich gefährdet ein hoher Fettgehalt der Nahrung die Dichtigkeit der Darmwand. Dabei wandern nicht nur Stoffe ins Blut, sie heben die bei dicken Menschen ohnehin schon erhöhte entzündliche Neigung weiter an, was Arteriosklerose begünstigt. Bei einer Normalisierung der Darmflora fallen auch die Entzündungswerte im Blut.
  3. Im Enddarm besteht die Möglichkeit, dass aus Gallensalzen über die Tätigkeit der Mikroorganismen krebserregende Substanzen entstehen. Erste Versuche belegen, dass Lactobacillus rhamnosus GG und Bifidobacterium BB12 hier einen schützenden Beitrag liefern.

Wie ändert man die Darmflora?

Tatsächlich kann man die Darmflora durch aktives Eingreifen ändern. Dazu gibt es verschiedene Ansätze, die auch in der Praxis eine Wirkung auf die Darmflora ausüben.

  1. Probiotika einnehmen: Man nutzt gezüchtete Bakterienkulturen, um die richtigen Keime im Darm wieder anzusiedeln. Zum Beispiel die Spezialstämme von Bifidobacterium und Lactobacillus. Die in den Studien beschriebenen Stämme sind noch nicht zu kaufen, da die Forschung noch zu jung ist.
  2. Präbiotika ergänzen: Punkt 1 alleine würde aber nicht dauerhaft reichen, um die alte Darmflora zu überwuchern. Notwendig ist hier auch die entsprechende Nahrung für die erwünschten Bakterien. Man bezeichnet sie als präbiotische Lebensmittel. Sie enthalten Ballaststoffe (z.B. komplexe Kohlenhydrate wie Inulin, Pektine, Lactulose, Raffinose, Mannitol), die für den Menschen unverdaulich sind, aber den gesunden Bakterien eine ideale Nahrungsgrundlage bieten. Bifidobakterien und Lactobacillen wachsen generell gut auf Fructose-Zuckerverbindungen (Oligosacchariden) aus Chicorée, Bananen, Tomaten und Laucharten.
  3. Ernährung ändern: Wenn dicke Menschen abnehmen, ändert sich die Darmflora begleitend dazu vorteilhaft. Grund: Auf kalorienarmer und ballaststoffreicher Nahrung wachsen andere Bakterien als auf fettreicher. Was nach ernährungsphysiologischen Gründen gesund für uns ist, dient auch einer gesunden Darmflora.

Wie groß sind die erzielbaren Effekte?

Die intensive Forschung fängt gerade erst an, in den letzten vier Jahren sind aber schon einige Studien zum Thema Cholesterin und Bakterien erschienen. Es zeigen sich nicht nur in Labor- und Tierversuchen erste Erfolge, sondern auch bei der praktischen Umsetzung am Menschen:

In einer kontrollierten Studie zum Beispiel wurden 30 von 60 Erwachsene 12 Wochen lang mit 1,2 × 109 (= 1 200 000 000) lebendigen Lactobacillus-Zellen versorgt. In der Bakteriengruppe war der Gesamtcholesterinwert um 14 % gefallen. Dabei waren bei den Personen mit den höchsten Werten auch die stärksten Effekte zu erzielen (Gesamtcholesterin fiel um17,4 %, LDL um 17,6 % und oxidiertes LDL fiel um 15,6 %).

Allerdings: Nicht jeder Ansatz war auch von Erfolg gekrönt und die angegebenen Werte schwanken außerdem sehr. Mit Sicherheit ist bei der Umsetzung noch einiges an Forschungsarbeit zu leisten.

Sollten die Effekte nicht ausreichen, stehen schon verschiedene neue Optionen zur Verfügung. Interessant zum Beispiel ist ein Versuch mit dem Zusatzstoff Calciumphosphat, er könnte den bakteriellen Effekt potenzieren. Calciumphosphat ist nur durch die Magensäure löslich. Im Darm herrschen aber ganz andere Bedingungen: Beim neutralen pH-Wert im Darm fällt es mit den Gallensalzen aus. Damit verstärkt diese Reaktion den Effekt durch die Bakterien. Sie wachsen außerdem besser, da Gallensalze das Wachstum der erwünschten Bakterien limitieren. Außerdem verhindert man damit, dass Darmbakterien kanzerogene Verbindungen aus Cholesterin herstellen. Ein erster Vorversuch an gesunden Menschen mit 1010 Bakterien vom Stamm Lactobacillus paracasei verlief erfolgversprechend: Die moderat hohen Werte fielen. Jetzt muss man die Hypothese noch an kranken Hypercholesterinämie-Patienten testen.

Gibt es Nebenwirkungen?

In den verfügbaren Studien hat sich die Behandlung als sehr verträglich herausgestellt. Die Kritiker drängen jedoch auf große Studien und Langzeituntersuchungen. Ungeklärt ist, ob die zugeführten Bakterien in besonderen Situationen nicht in andere Organe vordringen könnten.

  • Wie andere Darm- oder Mundkeime wurden Bifidobakterien schon bei Bauchfellentzündung, Abszessen und Bauchspeicheldrüsenentzündung isoliert. Das bedeutet, dass sich diese Bakterien zumindest an einer Infektion beteiligen können. Dennoch sind die Keime auf Grund ihrer Ausstattung keine aggressiven Krankheitskeime. Sie können zum Beispiel von sich aus nicht aktiv ins Gewebe vordringen und stellen keine Toxine her, wie das bei echten Krankheitskeimen der Fall ist.
  • In der Galle zum Beispiel würde die Spaltung von Gallensäuren zu Gallensteinen führen. Kranke Menschen (mit Gallensteinen, Bauchspeicheldrüsenerkrankungen, Nekrosen (abgestorbenem Gewebe), Schluckstörungen (Gefahr von Lungenentzündung durch Verschlucken), Fisteln, Immunsuppression oder Abwehrschwäche) sollten zur Sicherheit auf die Einnahme von lebenden Bakterien verzichten. Sie sind generell durch ihre eigenen Darm-, Mund- und Hautkeime gefährdet.
  • Es zählt das gesund Maß: Wenn außerdem zu viel Gallensäuren entfernt würden, dann funktioniert die Fettverdauung nicht mehr.

In den bisherigen Untersuchungen traten diese Fälle bisher noch nicht auf, was aber nicht ausschließt, dass dies in seltenen Fällen vorkommen könnte, wenn sich zahlreiche Personen über lange Zeiträume selbst behandeln würden. Zur Sicherheit sollte man einen Arzt fragen, ob eine mikrobiologische Therapie in der jeweiligen Situation sinnvoll ist.

Fazit

Nach Auswertung von Studien aus Labor und klinischen Studien am Menschen kommen die Spezialisten zu folgenden Erkenntnissen:

  • Wirksam gegen hohes Cholesterin ist nicht jedes beliebige Bakterium, sondern nur bestimmte. Einfacher Joghurt reicht oft nicht. Im Labor werden spezielle Bakterienstämme gezüchtet, die für die jeweiligen Bedingungen optimale Eigenschaften haben (wie etwa Lactobacillus plantarum Stämme CECT 7527, CECT 7528, CECT 7529, PH04, Lactobacillus buchneri Stamm ATCC 4005, Lactobacillus acidophilus Stämme RP32, La5 oder ATCC 4312, Lactobacillus paracasei LPC37, Bifidobacterium longum SPM1207, Bifidobacterium brevis, Bifidobacterium bifidum, Bifidobacterium lactis Bb12 und viele mehr)
  • Es zeichnet sich ab, dass es einen Dosiseffekt gibt: Es müssen über längere Zeiträume ausreichend viele der gesunden Bakterien in den Darm kommen (pro Tag mindestens 108) Ein einmaliger Bakterienverzehr ändert nichts. Die zugeführten bakteriellen Nutzkeime können sich nicht durchsetzen und werden bald ausgeschieden. Dauerhafte Änderungen sind nur über nachhaltiges Eingreifen (wie etwa Ernährung) erzielbar.
  • Die Probiotika (etwa in Form von Tabletten, Pulvern, Kapseln, angereicherte Lebensmittel) müssen frisch sein und korrekt gelagert werden.
  • Außerdem sind die Effekte auf die Darmflora meist deutlicher, wenn eine Mischung aus verschiedenen Bakterienarten oder -stämmen verwendet wurde.

Die Allianz mit den Bakterien – eine Therapie mit Zukunft!

Wir waren niemals alleine und werden es auch nicht sein – Mikroorganismen sind unsere ständigen Begleiter. Ob mit positivem oder negativem Effekt, dies hängt ganz von der Zusammensetzung der Darmflora ab. Mit den großen Projekten der Genomsequenzierungen wird immer klarer, wie sehr sich unter gewissen Einflüssen die Zusammensetzung der Darmflora ändert und wie stark die Darmflora auf unsere Gesundheit und psychische Konstitution wirkt.

In Zeiten knapper Kassen könnte die Darmsymbioselenkung eine einfache, verträgliche und auch billige Methode werden, um Gesundheit zu erhalten und herzustellen. Was die erfolgreichsten Anwendungsformen sind (bezüglich der Bakterienstämme, Aufbereitung, Nebenwirkungen und Gegenanzeigen) wird sich zeigen. Ganz sicher aber wird die Forschung im Bereich der Mikrobiologischen Therapie in den nächsten Jahren weiter für Aufsehen erregende Erkenntnisse sorgen.

Quellen/Weitere Informationen

Literatur und Links