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Kinder und Allergien – ein Interview mit Spezialisten

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Allergien was tun?

Immer mehr Kinder und Jugendliche sind von Allergien betroffen.

Von: PhytoDoc-Redaktion

Wenn Kinder unter Allergien leiden

Allergien sind auf dem Vormarsch – und nicht nur bei Erwachsenen. Immer mehr Kinder und Jugendliche sind heutzutage in der industriell entwickelten Welt davon betroffen. Sogar im Säuglingsalter erscheinen immer öfter Krankheitsbilder, die man früher so nicht kannte. Unter den Erscheinungen findet man von leicht geröteter, trockener Haut, Ekzemen und Atembeschwerden auch die schwereren Verläufe wie Neurodermitis und Asthma. Worin liegen die Ursachen und was kann man dagegen oder vorbeugend tun?

PhytoDoc Interview zum Thema Allergien

PhytoDoc hat sich diesem Thema gewidmet und zwei Experten dazu interviewt. Rede und Antwort stehen hierfür Dr. Berthold Musselmann, Facharzt für Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren und Umweltmedizin. Er ist Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin an der Universität Heidelberg Abteilung Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung. Zweiter in der Runde ist Dr. Peter Liffler, Ärztlicher Direktor der Klinik Hof Bellevue auf der Insel Fehmarn. Hier werden unter Anderem Patienten – Kinder, wie Erwachsene – mit allergischen und atopischen Krankheitsbildern mit ganzheitlichem Ansatz behandelt.

PhytoDoc: Herzlich willkommen in unserer Gesprächsrunde zum Thema ‚Kinder und Allergien’! Die Zahlen belegen: immer mehr Kinder reagieren allergisch. Man geht davon aus, dass Allergien zum größten Teil genetisch bedingt sind. Daher lautet unsere erste Frage: Wenn die Eltern selbst keine Allergien haben, wie wahrscheinlich ist es, dass ein Kind eine Allergie 'erwirbt'?

Dr. Musselmann: Das Kind erwirbt keine Allergie, sondern entwickelt aufgrund unbekannter Mechanismen und auf der Basis seiner Gene – hier sind beispielsweise Regulatorgene und Histone (Zellkernproteine) beteiligt – und deren individueller Penetranz allergische Symptome. Für das Entstehen sind auch Faktoren wie Stillen, Lebensweise, Psyche und Vieles mehr von erheblicher Bedeutung. Man kann sagen, bei Eltern ohne Allergie steht die Wahrscheinlichkeit heute bei durchschnittlich 20Prozent, dass das Kind zum Allergiker wird. Natürlich spielt dabei eine erhebliche Rolle, wie man "Allergie" definiert. Ist ein dyshidrotisches Ekzem schon Allergie etc.?

Dr. Liffler: Ich bin der Meinung, dass Atopien erworben werden können. Dafür ausschlaggebend ist, ob der Patient in seiner Gesamtkonstellation prädestiniert ist. Charakter, ökologische Exposition, aber auch die Lebensweise und soziale Struktur haben großen Einfluss. So sind stressanfälligere Menschen sicher eher gefährdet. Fakt ist jedoch, dass Allergien in hohem Maß vererbt werden. Laut Statistiken ist bei 40 – 70 Prozent der Allergiker die genetische Belastung eindeutig. Was die Ausbreitung anbetrifft, so verdoppeln sich laut epidemiologischen Studien, die in Zürich durchgeführt wurden, die Zahlen in zehn Jahren.

PhytoDoc: Eine genetische Vorbelastung steht also in jedem Fall im Raum. Aber, kann man denn dann die Gene 'austricksen'?

Dr. Musselmann: Selbst wenn in der Familie die Veranlagung bekannt ist, Allergien zu entwickeln, heißt das noch lange nicht, dass ein Kind auch wirklich krank werden muss. Und das ist etwas, was zurzeit noch erforscht wird. Ich kann zwar den allergischen Antikörper in mir tragen, also ich kann sozusagen die erste Stufe einer Allergie durchgemacht haben, aber ob ich dann wirklich krank werde oder nicht, also Symptome entwickle oder nicht, das ist damit noch nicht gesagt. Wichtig ist, dass man das Kind nicht so sehr mit zusätzlichen Allergenen umgibt. Also keine Katzen, keine Hunde und all diese Dinge im Haus zu haben. D.h., die Allergen-Exposition muss minimiert werden. Wichtig scheint auch die Darmflora in diesem Zusammenhang. Positive Wirkung haben hier auf jeden Fall die Milchsäure-Bakterien (Lactobazillus Acidophilus und Bifidusbakterien).

Dr. Liffler: Wie viel Einfluss die Gene haben, kann man bei der Geburt des Kindes durch ein Nabelschnur – Immunglobulin IgE bestimmen lassen. Liegt der Wert deutlich über eins, kann man davon ausgehen, dass das Kind gefährdet ist. Insofern ist schon möglich, zu bestimmen, ob eine potenzielle Gefährdung vorliegt. In jedem Fall ist zu empfehlen – und darin stimme ich mit Herrn Musselmann überein –, dass in einem solchen Fall alles, was Allergien hervorrufen kann, vermieden werden sollte. Denn, kommt der Organismus nicht mit Allergenen in Kontakt, entwickelt er auch keine Allergie.

PhytoDoc: Das Thema Gene haben wir also geklärt. Aber wenn nun das Erbgut erwiesenermaßen so ausschlaggebend ist, was bedeutet das für die Eltern? Ab wann muss man als denn als Elternteil befürchten, als Allergiker eingestuft zu werden? Beispielsweise schon bei Hautreaktionen auf Waschmittel oder bei minimalem Nasenjucken bei Blütenstaub?

Dr. Musselmann: Ich knüpfe hier an das schon Gesagte an, d.h., eine eindeutige Definition gibt es meiner Meinung nach nicht, sondern jeder macht es wie er es braucht. Ich behaupte sogar, dass bei der heutigen Deformierung der Medizin zum Markt hin, fast alle Fächer zur Diagnose-„Erweiterung" neigen, um "Kunden" zu gewinnen.

Dr. Liffler: Ich stimme Herrn Musselmann prinzipiell zu. Vor allem was das Thema Kunde und Diagnose-„Erweiterung“ anbetrifft. In jedem Fall aber kann man sagen, dass Allergien nur durch Nachweisverfahren diagnostizierbar sind.

PhytoDoc: Also kann man sagen, eigentlich ist jeder latent allergisch?

Dr. Musselmann: Ja, kann man. Für mich ist „Allergie" eine Begleiterscheinung unseres hochspezifischen Abwehrsystems!

Dr. Liffler: Dem schließe ich mich an.

PhytoDoc: Wenn es um die Gesundheit unsere Kinder geht, so wird immer wieder unterstrichen, wie wichtig im Säuglingsalter das Stillen ist, um das Immunsystem schon von Anfang an zu stärken. Kann man denn nun sagen, Stillen ist auch bei Allergien die „Wunderwaffe“?

Dr. Musselmann: Stillen ist sicher ein wichtiger Faktor zur Immunstabilisierung und zum Immuntraining. Außerdem ist es für die Entwicklung des Kindes sehr wichtig. Wichtiger als das Immunsystem scheint hierbei der Einfluss auf das Bindungsverhalten des Kindes. Je mehr liebevolle Zuwendung – und dazu gehört Stillen in hohem Maße – desto sicherer wird das Kind gebunden sein, desto zufriedener und glücklicher wird es werden und damit Allergien seltener. Umweltfaktoren kann Stillen natürlich nicht alle egalisieren, Gene sowieso nicht.

Dr. Liffler: Was das Stillen anbetrifft, bin ich etwas anderer Meinung. Natürlich hat es einen positiven Einfluss auf das Bindungsverhalten. Aber im Zusammenhang mit dem Immunsystem, wird es überbewertet. Für die Übertragung der Antikörper reicht eine Woche Stillen aus. Bei den allermeisten Fällen ist Stillen bei atopischen Erkrankungen sogar eher hinderlich. Hochsensible Kinder laufen beispielsweise Gefahr, dass Stillen bei ihnen eine Reaktion auslöst. In solchen Fällen sollte man unbedingt auf das Stillen verzichten und hypoallergene Milch sogenannte H.A.-Milch (Milch für Allergiker)geben.

PhytoDoc: Da wir schon beim Thema Stillen und Säuglinge sind – häufig liest und hört man, dass Kinder, die Milchschorf hatten, zu Allergien neigen. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Dr. Musselmann: Milchschorf tritt während des Stillens auf, d.h. aber nicht aufgrund des Stillens! Es betrifft eben Kinder dieses Alters. Nach ärztlicher Erfahrung und gemäß medizinischer Literatur ist bei Kindern mit Milchschorf das Risiko für Neurodermitis und Allergien leicht erhöht. Allerdings gibt zu diesem Thema auch unterschiedliche Literatur. Nach meiner Erfahrung besteht eher ein höheres Allergierisiko als kein Einfluss. Stillen – um darauf zurück zu kommen – hat meiner Meinung nach insgesamt einen positiven Einfluss. Ausnahme sind hochbelastete Mütter mit Anreicherung von Umweltschadstoffen in Fettgewebe und damit in der Milch aufweisen.

Dr. Liffler: Ich denke auch, dass, wenn Kinder Milchschorf aufweisen, man nicht unbedingt daraus ein erhöhtes Allergierisiko schließen kann. Hat das Kind jedoch Milchschorf und zwei allergische Eltern, liegt die Vermutung zumindest nahe.

PhytoDoc: Ein weiterer Punkt interessiert uns sehr: Es gibt viele Theorien, weshalb sich Allergien immer mehr verbreiten: So stehen auf dem Index Umwelteinflüsse, übertriebene Hygiene, aber auch Impfungen und die etwas exotischere Variante, dass der Körper eines westlichen Menschen sich nicht mehr mit Parasiten beschäftigen muss und sich daher auf „harmlose'“ Eindringlinge wie Pollen stürzt. Wie stehen Sie zu diesen Theorien?

Dr. Musselmann: An allen scheint mir was dran zu sein, am wenigsten am Punkt Impfungen, da diese das Immunsystem trainieren und – in der Regel – keine Allergien auslösen, auch wenn das manche dogmatische Homöopathen, „Gesundheitsberater" u.a. so sehen mögen. Kontakt zu Dreck aller Art – natürlich der natürliche, keine Dioxine und Co – ist positiv da so das Immunsystem beschäftigt wird Das mit den „fehlenden Parasiten" scheint mir äußerst plausibel und hochinteressant. Es gibt bereits erste Erfolge durch Therapien mit bestrahlten Wurmeiern, die dann einzelne Würmer bei Menschen mit Colitis ulcerosa (auch eine entzündlich-hyperergische Erkrankung, keine typische Allergie) im Darm ergeben, welche, zur richtigen Krankheitsphase verabreicht die, Aktivität verringern können.

Dr. Liffler: Wie mein Kollege, denke ich, dass Impfungen keine Gefahr darstellen. Einschränkungen würde ich bei Kompleximpfungen machen. Nicht die Impfung, sondern Irritationen können zu Allergien im Säuglingsalter führen. Umwelteinflüsse sind für mich relativ – außer es handelt sich um Extremeinflüsse. Was Parasiten anbetrifft, bin ich mir nicht so sicher, ob diese Theorie den richtigen Pfad aufweist. Ich denke, wir haben es heute auch mit virulenteren Keimen zu tun. Übertriebene Reinlichkeit halte ich allerdings auch für falsch, da das Immunsystem so nichts erlernen kann. Insgesamt bin ich der Meinung, dass ängstlich und überbehütet erzogene Kinder mehr zu Allergien neigen. Eine positive innere Einstellung hilft außerdem, vorzubeugen.

PhytoDoc: Wenn es dann aber einmal zu einer allergischen Reaktion kommt, stimmt dann die Aussage „einmal allergisch, immer allergisch“?

Dr. Musselmann: Genetisch ja, phänotypisch nein. Man kann Allergien verlieren, obwohl die Neigung genetisch fortbesteht. "Löschen", z.B. mit Bioresonanz lässt sich Allergieneigung nicht, höchstens gelegentlich positiv beeinflussen – und zwar über einen durchaus teilweise positiv zu sehenden Placebo-Effekt. Es gibt aber wesentlich bessere, billigere und validere Methoden.

Dr. Liffler: Ich halte diese Aussage für Quatsch. Isopathische Arzneimittel und Hyposensibilisierung sind Möglichkeiten, Allergien erfolgreich entgegen zu treten.

PhytoDoc: Kann man – so gesehen – auch davon ausgehen, dass es „isolierte“ Episoden gibt, das bedeutet, eine allergische Reaktion ohne Fortsetzung?

Dr. Musselmann: Ja, wenn die genetische Neigung schwach ist und nur unter bestimmten besonderen Umständen eine allergische Reaktion auftritt. Ein Beispiel hierfür ist ein Kind mit Urtikaria (Quaddeln) nach einer Impfung oder nach bzw. bei einer Infektion mit Borrelien, Helicobacter etc. Solche Urtikaria kann übrigens fast jeder entwickeln – ein Beispiel, dass „Allergie" zum normalen Repertoire des Menschen gehört (und gelegentlich auch Nicht-Allergiker umbringt, z.B. beim allergischen Schock auf Kontrastmittel, Impfstoffe, Medikamente etc.).

Dr. Liffler: Ich schließe mich hier der Meinung des Kollegen an.

PhytoDoc: Eine letzte Frage noch. Spricht man von Allergien, fällt häufig auch das Stichwort „Etagenwechsel“. Das bedeutet, eine Allergie greift über und kann eine chronische Bronchitis oder Asthma auslösen. Wie unausweichlich ist der „Etagenwechsel“ Ihrer Meinung nach?

Dr. Musselmann: Ich halte die Theorie zum Etagenwechsel für höchst umstritten. Unter Umständen kann man diesen Prozess durch Desensibilisierung positiv beeinflussen. Teilweise ist er vielleicht unausweichlich, aber auf jeden Fall durch Naturheilkunde und das Meiden von Antibiotika etc. – nach meiner Beobachtung – weniger wahrscheinlich

Dr. Liffler: Ich halte den Etagenwechsel für vermeidbar. Hilfreich sind hier die Methoden, die ich zuvor schon genannt habe: Hyposensibilisierung und Isopathische Arzneimittel. Des Weitern kann man auch auf der psychomentalen Wahrnehmungsebene des Patienten handeln. Er lernt besser mit seinem Problem umzugehen, was ihn auch auf physischer Ebene harmonisiert und stärkt. Oft ist es die Angst, dass sich etwas verschlechtert, die die Verschlechterung dann nach sich zieht.

PhytoDoc: Wir danken Ihnen für das aufschlussreiche Gespräch!

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