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Zöliakie: Unverträglichkeit auf Gluten immer abklären lassen

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Gluten unter Generalverdacht

Immer mehr Prominente, aber auch „Normalbürger“ kokettieren mit dem gesundheitsbewussten Verzicht auf bestimmte ggf. sogar zahlreiche Lebensmittel. Das ist jedoch nicht immer sinnvoll, wie das Beispiel Glutenunverträglichkeit zeigt.

Von: Johannes W. Steinbach

Lebensmittelunverträglichkeiten

Gesundheitsbewusstsein demonstrieren: Das machen derzeit (nicht nur) viele Prominente vor. Was an sich nichts Schlimmes ist, jedoch zumindest bzgl. unserer Ernährung manchmal seltsame Triebe schlägt. So wird wohl auch dieses Jahr wieder auf zahlreichen Geburtstagsfeiern oder Familienfesten häufig der Satz zu hören sein: „Das kann ich leider nicht essen, weil ich eine Allergie dagegen habe.“

Nun möchte dieser Artikel keineswegs Menschen, die tatsächlich unter einer Lebensmittelallergie oder -unverträglichkeit leiden, als chronische Hypochonder abstempeln. Schließlich sind zum Beispiel zahlreiche Pollenallergiker häufig von Kreuzallergien betroffen, immer mehr Menschen vertragen immer weniger Milchzucker usw. Leider gibt es aber auch einige Lebensmittel bzw. Inhaltsstoffe, die völlig zu Unrecht unter Generalverdacht stehen, Allergien auszulösen bzw. per se ungesund zu sein.

Etwa Gluten, das natürlicherweise in zahlreichen Backwaren vorkommt: Lebensmitteltechnologisch betrachtet handelt es sich dabei um ein Klebereiweiß, das den Teig elastisch hält, damit dieser weder brüchig wird noch an den Händen kleben bleibt. Das Ergebnis sind entsprechend lockere und optisch ansprechende Gebäcke. Daneben sorgt Gluten dafür, dass sich die einzelnen Zutaten beim Backen zu einer homogenen Masse vermischen.

Gluten: Was ist das und wo „versteckt“ es sich?

Dankbare Eigenschaften, die jeder Bäckerlehrling gleich zu Beginn seiner Ausbildung zu schätzen lernt. So steckt das Gluten in den meisten gängigen Getreidesorten wie Weizen, Dinkel, Roggen oder Gerste, auf denen die deutsche Brotvielfalt beruht. Daraus hergestellte glutenhaltige Gebäcke sind für Gesunde unbedenklich und einwandfrei zu verzehren.

Problematisch wird es dagegen, wenn jemand unter Zöliakie (auch „einheimische Sprue“ genannt) leidet: Einer chronischen Erkrankung des Dünndarms, von der in Deutschland rund 800.000 Menschen betroffen sind. Bei unter dieser Autoimmunerkrankung leidenden Patienten führt die Aufnahme von Gluten zu einer Entzündung des Dünndarms und einer Rückbildung der Dünndarmzotten. Dadurch können Nährstoffe – anders als beim gesunden Menschen – nicht in ausreichender Menge vom Darm aufgenommen werden.

Die Folge sind Mangelerscheinungen mit den vielfältigsten Symptomen, weshalb Mediziner die Zöliakie auch gerne als das „Chamäleon unter den Krankheiten“ bezeichnen: Kaum zwei Krankheitsfälle sind identisch. Durchfall und Bauchschmerzen gelten als die klassischen Symptome. Vor allem bei Kindern treten aber auch des Öfteren Eisenmangel, Wesensveränderungen wie Unzufriedenheit oder Weinerlichkeit sowie stagnierendes Wachstum in den symptomatischen Vordergrund. Bei Erwachsenen sind dagegen Schlaflosigkeit, Müdigkeit oder Depressionen häufig mögliche Anzeichen einer unbehandelten Zöliakie.

Diagnose allein durch Facharzt

Auf Grund der zahlreichen mannigfaltigen Symptome kann es Jahre dauern, bis die Krankheit diagnostiziert wird: oft mit gravierenden Folgen. Wer nach dem Verzehr glutenhaltiger Lebensmittel regelmäßig Schmerzen oder Unwohlsein verspürt, sollte deshalb vorsichtshalber einen Arzt aufsuchen, rät Dr. Stephanie Baas, medizinische Beraterin der Deutschen Zöliakie-Gesellschaft e.V. (DZG), Stuttgart.

Bei entsprechendem Verdacht werden ein Bluttest und eine anschließende Dünndarmbiopsie durchgeführt: „Das Blut wird auf Zöliakie-typische Antikörper untersucht. Deuten die Werte auf eine Zöliakie hin, bringt eine Magenspiegelung mit Probenentnahme aus dem Dünndarm Sicherheit“, erklärt Baas. Bis zur Diagnose müsse sich der Patient jedoch unbedingt glutenhaltig ernähren. Eine vorsorglich glutenfreie Ernährung verharmlost logischerweise das Ergebnis.

Ein genetischer Test könne eine Zöliakie zwar nicht bestimmen, jedoch zumindest ausschließen. „Leider werden manchmal immer noch Untersuchungen wie Stuhl- oder Speicheltests durchgeführt, die aber keine zuverlässigen Ergebnisse liefern“, moniert Baas. Ebenso wenig können Schnelltests aus der Apotheke oder IgG4-Allergietests, die bei Verdacht auf Nahrungsmittelunverträglichkeiten eingesetzt werden, eine sichere Zöliakie-Diagnose liefern.

Wichtig zu wissen ist auch, dass Zöliakie in jedem Lebensalter neu auftreten kann. Zu den Risikogruppen gehören Patienten mit Diabetes mellitus (Typ 1), Rheumatoider Arthritis, autoimmunen Schilddrüsenerkrankungen und Trisomie 21 („Down-Syndrom“). Auch Zöliakiekranke-Verwandte ersten und zweiten Grades sind häufiger betroffen als die Durchschnittsbevölkerung. Zudem gehen Mediziner nach neuesten Untersuchungen davon aus, dass ein geschwächtes Immunsystem sowie negative Umwelteinflüsse den Ausbruch der Krankheit begünstigen können.

Einzige Therapie: Lebenslang Gluten meiden

Steht die Diagnose Zöliakie letztendlich zweifelsfrei fest, besteht die einzige Therapie bislang in einer strengen und lebenslangen glutenfreien Ernährung. Durch den Verzicht auf das Klebereiweiß regenerieren sich schließlich die Darmzotten und -schleimhäute. In den meisten Fällen tritt bereits wenige Wochen nach der Ernährungsumstellung eine Besserung ein und die Krankheitssymptome verschwinden.

Zukunftsmusik in Sachen Therapie könnte eine neue australische Studie sein (Link: s.u. „Literatur/Quellen“): Diese vermutet, dass die Zöliakie in Entwicklungsländern vielleicht deshalb weitaus seltener vorkommt als bei uns, weil die Dünndärme der Inländer häufiger mit Wurmparasiten befallen sind. Dieser Befall verändere immunologische Prozesse zum Vorteil der Zöliakie-Patienten.

Im Rahmen der Studie infizierten die Forscher zwölf Zöliakie-Patienten mit jeweils 20 Larven des Hakenwurms (Necator americanus). Anschließend nahmen die Teilnehmer zwölf Monate lang stetig steigende Glutenmengen zu sich. Die acht Teilnehmer, die die Studie beendeten, konnten danach vergleichsweise hohe Glutengaben tolerieren, ohne dass sich ihre Symptomatik verschlechtert hätte. Auch das Dünndarmgewebe der Patienten zeigte nach den ersten Dosis-Steigerungen keine strukturellen Schädigungen durch die Glutenzufuhr.

Darüber hinaus berichteten alle Patienten von einer verbesserten Lebensqualität. Die Forscher vermuten, dass die Besserungen durch ausgeschiedene Proteine der Hakenwürmer ausgelöst wurden. (Wobei allerdings grundsätzlich zu beachten ist, dass eine solche Hakenwurminfektion zumindest für Schwangere, Kinder und unterernährte Patienten gefährlich werden kann.)

Glutenverzicht nicht immer einfach

Während der Glutengehalt herkömmlicher Brot-, Back- und Teigwaren für (Neu-)Zöliakie-Betroffene relativ offensichtlich ist, gibt es darüber hinaus zahlreiche andere Lebensmittel mit versteckt enthaltenem Gluten. Dazu gehören beispielsweise gebundene Saucen und Suppen, Fertiggerichte, Wurst, Ketchup und Senf, Gewürzmischungen, Pudding, Schokolade oder Eis. Bei verpackten glutenhaltigen Lebensmitteln muss deshalb in der Zutatenliste auf den Inhaltsstoff hingewiesen werden.

Auch Arzneimittel, Pflegeprodukte und Kosmetika können Gluten enthalten, was auf der Verpackung nicht immer direkt zu erkennen ist. Unterstützung und Hilfe bieten dazu entsprechende Aufstellungen der DZG. Speziell glutenfreie Produkte sind außerdem am „Glutenfrei“-Siegel der DZG zu erkennen.

Lebensmittel, die von Natur aus kein Gluten enthalten, etwa Mineralwasser oder Käse, müssen dagegen nicht explizit gekennzeichnet werden. Entsprechende Hersteller, die solche Produkte trotzdem als „glutenfrei“ bewerben, müssen sich deshalb den Vorwurf irreführender Werbung gefallen lassen. Nicht ganz uninteressant: Der Begriff „Glutenfrei“ wird in diesem Zusammenhang übrigens so definiert, dass nicht mehr als 2 Milligramm Gluten in 100 Gramm Lebensmitteln enthalten sein dürfen.

Fazit:

Dieser Artikel möchte weder Allergiker abstempeln, noch mit erhobenem Zeigefinger jeden beschulmeistern, der sich für Ernährungstrends interessiert. Vielmehr geht es um zwei Dinge:

1. Das Gluten aus der pauschalen Schmuddelecke herauszunehmen, in die es nicht gehört: Schließlich macht es keinen Sinn, auf zahlreiche leckere Gebäcke und Speisen zu verzichten, wenn Gluten für Gesunde gar kein Risiko birgt. Einmal abgesehen davon, dass eine in Eigenregie durchgeführte Ernährungsumstellung bzw. Ausschlussdiät grundsätzlich auch immer das Risiko von Mangelerscheinungen mit sich bringt.

2. Betroffenen Patienten zu helfen und ein gesundes Bewusstsein im Umgang mit Zöliakie zu schaffen: Denn wenn zu viele Gesunde (aus welchen Gründen auch immer) erklären, allergisch gegen Gluten zu sein, könnte das langfristig dazu führen, dass sowohl die vergleichsweise wenigen tatsächlich unter Zöliakie leidenden Mitmenschen sowie die Krankheit selbst irgendwann nicht mehr Ernst genommen werden.

Fortsetzung:

Als Alternative zu den glutenfreien Backwaren, die im Lebensmitteleinzelhandel angeboten werden, gibt es natürlich die Möglichkeit, selbst zu backen, zum Beispiel das eigene Brot. Worauf bei der Herstellung zu achten ist, möchte ich (als ehemaliger Bäckermeister) Ihnen im zweiten Teil dieser Artikelreihe zeigen: Selber glutenfrei backen: Rezepte