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Nägelkauen: Abgekaut statt ausgelebt

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Nägelkauen kann eine lästige Marotte, aber auch ein Hilfeschrei der Seele sein. Welche Therapieansätze jenseits von Tinkturen sind Erfolg versprechend?

Von: Jörg Pantel

Nägelkauen kann eine lästige Marotte, aber auch ein Hilfeschrei der Seele sein. Verbote, Bestrafungen oder das berüchtigte Bepinseln der Nägel reichen meist nicht aus, um Kindern dieses Verhalten abzugewöhnen.

Nägelkauen tritt nicht nur als vorübergehendes Symptom bei Kindern und Jugendlichen auf. Oft haben auch Erwachsene über Jahre damit zu tun. Auffallend bei meinen umfangreichen Recherchen für diesen Artikel war, dass es nur sehr wenig Literatur zu diesem Thema gibt. Dabei leiden die Betroffenen und ihre Angehörigen oder Freunde sehr wohl unter dem unschönen Anblick der abgenagten Nägel.

Blick in die Psyche

Auch der Heilpraktiker kann einem Patienten, der vom Nägelkauen loskommen möchte, kein universelles Heilmittel verabreichen. Ich meine, dass es wichtig ist, sich zunächst mit dem psychischen Hintergrund des Nägelkauens zu beschäftigen. Das Nägelbeißen geschieht ja meist unbewusst. Es wird von den Betroffenen als Zwang erlebt, der nicht ihrer willentlichen Kontrolle unterliegt. Was könnte dahinter stecken?

Die Fingernägel beim Menschen hatten ursprünglich die gleiche Bedeutung wie die Krallen beim Tier. Sie dienten sowohl der Verteidigung als auch dem Angriff. Symbolisch gesehen sind die Nägel Werkzeuge der Aggression. Deutlich wird das beispielsweise an der Redewendung „jemandem die Krallen zeigen“.

Was bedeutet diese Symbolik für einen Menschen, der sich die Nägel abkaut?

Nach meinem Verständnis beißt er sich die eigenen Aggressionen ab. Er entschärft seine Waffen. Dazu kommt es, weil dieser Mensch nicht weiß, wie er mit negativen Gefühlen, mit dem Wunsch, andere anzugreifen oder zu kämpfen, umgehen soll. Er hat sogar Angst vor diesen Gefühlen und versucht sie zu unterdrücken oder zumindest nicht nach außen sondern gegen sich selbst zu richten. Das Beißen ist zugleich Unterdrückung und Ventil für Aggressionen. Denn Wut und Ärger werden an den Fingernägeln abgearbeitet.

Wohin mit der Wut?

Nägelkauen kann also ein wichtiger Hinweis darauf sein, dass ein Mensch Angst hat, seine Aggressionen auszuleben. Als Betroffener oder als Elternteil sollten Sie sich bewusst machen, wie Sie mit ihren Aggressionen umgehen. Unterdrücken Sie bei sich selbst Gefühle wie Wut? Wehren Sie sich, wenn jemand Sie angreift? Schwelt in Ihrer Familie ein latenter Streit oder werden Meinungsverschiedenheiten offen ausgesprochen?

Wenn Sie ein Nägel kauendes Kind haben, sollten Sie Ihre Erziehungsprinzipien hinterfragen. Welchen Freiraum hat das Kind für Gefühle wie Wut oder Aggression? Soll das Kind immer lieb sein oder darf es auch mal seine andere Seite zeigen?

Es geht also darum, Räume zu schaffen, in denen Aggressionen ausgelebt und wo Schuldgefühle umgesetzt werden können.

Tipps für Eltern

Die Paar- und Familientherapeutin Maria Kenessey-Szuhanyi aus Zürich gibt folgende Verhaltenstipps:

  • Wenn Ihr Kind an den Nägeln kaut, tun Sie dies nicht als Lappalie ab. Nägel kauen ist nämlich ein Hilfeschrei der Seele. Schimpfen und Bestrafen ist der falsche Weg, dem Kind dieses Verhalten abzugewöhnen.
  • Nehmen Sie sich möglichst viel Zeit für Ihr Kind. Vielleicht vermisst es Ihre Präsenz, vielleicht ist es nervös. Auch Schwierigkeiten in der Schule, Über- oder Unterforderung können der Auslöser sein. Um herauszufinden, wo das Problem liegt, braucht das Kind in jedem Fall viel Aufmerksamkeit.
  • Handelt es sich „nur“ um eine abgeschwächte Form, kann man mit Geduld und Zuneigung in einer vertrauensvollen Atmosphäre einiges erreichen. Ist das Nägel kauen allerdings stärker ausgeprägt, ist unter Umständen eine Familientherapie nötig. Damit können vorhandene Spannungen innerhalb der Familie gelockert werden.

Umstrittene Tinkturen

Um Kindern das Nägelkauen zu verleiden, werden übelschmeckende Tinkturen angeboten, mit denen man die Nägel bepinselt. Diese Maßnahme ist allerdings höchst umstritten. Viele Psychologen und Erziehungsberater raten ganz davon ab. Denn mit dieser Maßnahme würden höchstens die äußeren Zeichen und nicht das wirkliche Problem bekämpft. Dahinter steht die Auffassung, dass das Nägelkauen ein Symptom einer emotionalen Störung ist, deren Ursache in der Kindheit und Jugend liegt. Hier wird das Nägelkauen als eine Ersatzhandlung verstanden, die sich entwickelte, weil den Kindern eine andere sinnvolle Lösung ihrer damaligen Probleme nicht möglich war. Viele Experten meinen, dass diese Probleme mit technischen Tricks nicht in den Griff zu bekommen sind, wenn der Betroffene keine begleitende psychotherapeutische Unterstützung erhält.

Bachblüten-Therapie

Die ganzheitliche Heilkunde zielt darauf ab, ein Kind, das an den Nägeln kaut, wieder ins seelische Gleichgewicht zu bringen. Aus der Bachblüten-Therapie bieten sich an:

Agrimony für Kinder, die nach außen hin fröhlich wirken, dabei aber ihre inneren Ängste und Spannungen überspielen.

Cherry Plum für Patienten, die unter einem ungeheuren inneren Druck leiden. Sie fühlen sich, als würden sie auf einem Pulverfass sitzen. Cherry Plum kann eingesetzt werden bei Zwangshandlungen aller Art, zum Beispiel Nägelbeißen, Haareherausreißen, Wundkratzen, zwanghaftes Masturbieren.

Elm kann eingesetzt werden, wenn der Patient sich völlig überfordert fühlt.

Rock Rose bekommen die Patienten, die unter einer großen Angstspannung stehen, die sich beispielsweise in Alpträumen äußert.

Star of Bethlehem ist der Seelentröster unter den Bachblüten und gut geeignet für traumatisierte Kinder, die eine Scheidung, den Tod wichtiger Bezugspersonen oder Misshandlung erleiden mussten.

Walnut ist sinnvoll, wenn das Nägelkauen in einer Phase des Wechsels und des Neubeginns auftritt, beispielsweise Schulwechsel oder Geburt eines Geschwisterkindes.

Willow empfiehlt sich für Patienten, die ihre Aggressionen nicht ausleben können sondern für sich behalten. Oft richten sie ihre Aggressionen gegen sich selbst.

Homöopathie

Aus der Homöopathie kommen zur Behandlung des Nägelkauens eine ganze Reihe von Mitteln in Frage, deren Auswahl sich an Konstitution und vorherrschenden Symptomen orientiert. Man denke dabei insbesondere an Phosphor und dessen Salze sowie Belladonna (Tollkirsche) bei zwanghaften Handlungen. Arum Triphyllium (Zehrwurzel) kommt in Frage bei Kindern, die zusätzlich nachts den Kopf im Kissen hin und her bohren. Typisch für diese Kinder sind rissige Lippen und Mundwinkel. Oft zupfen sie sich an Lippen und Nase, bis diese bluten.

Eine ganzheitliche Therapie kann aber nur wirksam sein, wenn sich die Ursache der Erkrankung oder der Verhaltensstörung zeigt. Und da sind im Allgemeinen die Eltern gefragt, bei sich selbst etwas zu verändern.

Der Autor
© Jörg Pantel. Herr Pantel ist Heilpraktiker in Münster seit 1986, Schwerpunkte sind psychosomatische und chronische Erkrankungen.