Baldrian

Baldrian (Valeriana officinalis) war schon in der Antike als Heilpflanze bekannt und erfreut sich auch im 21. Jahrhundert einer stetigen Nachfrage. In erster Linie ist Baldrian für seine beruhigende Wirkung bekannt. Häufig wird er bei Schlafstörungen, Prüfungsangst oder Nervosität eingesetzt. Weitere Anwendungsgebiete sind bei Stress, Magen-Darmerkrankungen und Wechseljahrbeschwerden. Seine Inhaltsstoffe wirken außerdem krampflösend und entspannend. Für den medizinischen Gebrauch werden die Wurzeln des Baldrians verarbeitet. Bei Kindern und Schwangeren sollte vor der Einnahme von Baldrian ein Arzt konsultiert werden. Baldrianpräparate gibt es in Form von Dragees, Tropfen, Tinkturen, Tees und Badezusätze. Da die Einnahme von Baldrian reaktionsvermindernd wirken kann, sollte man bis zu zwei Stunden nicht aktiv am Straßenverkehr teilnehmen. Der zwischen 50 und 180 cm hohe Baldrian kommt vornehmlich in Europa und gemäßigten Zonen Asiens vor.

Baldrian, Echter
Baldriantees und -kapseln sind sehr beliebt bei Unruhe, Schlafstörungen und Ängsten. © C. Heyer/PhytoDoc
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Anwendungsgebiete: Wogegen hilft Baldrian?

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Baldrian-Präparate sind klassische, natürliche Schlafmittel. Sie können aber auch bei Unruhezuständen, Angst oder Wechseljahresbeschwerden eingesetzt werden. Baldrian unterstützt auch die Entspannung der Muskulatur. Er kommt daher auch bei Magen-Darmkrämpfen, Menstruationsbeschwerden und Reizblase zum Einsatz.

Der Vorteil gegenüber vielen anderen Präparaten liegt darin, dass Baldrian weder abhängig macht noch zu Tagesmüdigkeit führt.Die Wirkung von Baldrianpräparaten ist durch zahlreiche Versuche und klinische Studien verbürgt. Es ist darauf zu achten, dass es ausreichend dosiert und über einen längeren Zeitraum eingenommen wird.

Hinweis: Wegen eines schädlichen Inhaltsstoffes sollte indischer und mexikanischer Baldrian (Valeriana wallichii und Valeriana edulis) nach Einschätzung der Kommission E nicht verwendet werden.

Anwendungen unterteilt nach Wirksamkeit
Gesicherte Wirksamkeit
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Für diese Anwendungsgebiete liegen eindeutige klinische Studien vor, um von einer Wirksamkeit auszugehen. Die Wirksamkeit wurde von mindestens einer der maßgeblichen Bewertungskommissionen (Kommission E/ESCOP/HMPC/WHO) verbindlich festgestellt.
  • Erregungs-, Angst- und Unruhezustände
  • Nervös bedingte Einschlafschlafstörungen

Wirksamkeit laut Erfahrung

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Es liegen zahlreiche Hinweise aus einer langen Anwendungstradition in der Volksmedizin und in der ärztlichen Erfahrungsheilkunde vor, die eine Wirksamkeit annehmen lassen. Dennoch sind bisher nicht alle Kriterien erfüllt, die für eine volle Beweiskraft notwendig sind. Falls es klinische Studien gibt, haben die Ergebnisse nicht zweifelsfrei überzeugt.
  • Entzugserscheinungen beim Absetzen von Beruhigungsmedikamenten, Linderung der Symptome
  • psychovegetative Störungen: Schwindel, Erbrechen, funktionelle Herzbeschwerden, nervöser Magen
  • Erkrankungen mit psychosomatischer Begleitsymptomatik: Tinnitus, Fibromyalgie, Reizblase
  • Stress, Reizbarkeit, Angstträume, Prüfungsangst oder Lampenfieber: beruhigend
  • Überarbeitung, geistige, Konzentrationsschwäche
  • Wechseljahresbeschwerden (Schlaflosigkeit)
  • vegetative Dystonie

Nicht gesicherte Wirksamkeit

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Die Hinweise aus traditioneller Anwendung oder Laborversuchen sind zu wenig überzeugend und gehen über einen experimentellen Status nicht hinaus. Es gibt bisher keine korrekten oder positiven klinischen Studien.
  • Bettnässen, symptomlindernd
  • Entzündung der Magenschleimhaut (Gastritis), Magenkrämpfe
  • Koliken, Gebärmutterkrämpfe
  • Muskel-, Kopf- und Nervenschmerzen, z.B. bei Rheuma, Arthritis und Neuralgien
  • Raucherentwöhnung

Links zu den Erkrankungen, bei denen Baldrian helfen kann

Wie wirkt Baldrian?

Baldrian-Präparate enthalten etwa 150 verschiedene Bestandteile. Trotz intensiver Bemühungen, die Wirksamkeit auf Einzelsubstanzen zu reduzieren, zeigte sich, dass Baldrian vor allem als Gesamtextrakt wirkt. Einzelne Bestandteile können in konzentrierter Form sogar eine gegenteilige Wirkung haben.

Schlaffördernde Wirkung:

Schlaf ist eine komplexe, durch Nerven gesteuerte Reaktion. Mehrere Aspekte des Schlafverhaltens werden durch Baldrian-Extrakte beeinflusst:

Wirkung auf die Bewegungsneigung

Im Schlaf wird die Aktivität von motorischen Nervenzellen gehemmt. Das führt dazu, dass sich der Mensch während des Schlafes nur sehr wenig bewegt.
In vielen Versuchen konnte man zeigen, dass Baldrian-Extrakte (250 mg/kg) oder einzelne Inhaltsstoffe (Valeranon und Valtrat, 16 mg/kg) die spontane Bewegung von Mäusen reduzierte. Baldrian verringert so die körperliche Aktivität und stimmt auf das Schlafen ein.

Zentral dämpfende Wirkung

Im Tierversuch hemmten bestimmte Bestandteile des Extraktes (Valepotriate) und deren Abbauprodukte (50 mg/kg) sowie der Baldrian-Extrakt (50 mg/kg) den Zuckerumsatz in nahezu allen Bereichen des Gehirns. Dies ist ein Hinweis für eine dämpfende Wirkung von Baldrian.

Schlafanstoßende Wirkung

Nach 14-tägiger Einnahme von 400-600 mg/Tag Baldrian-Extrakt wurde die Tiefschlafphase signifikant verlängert. Nach subjektiver Beurteilung nahm die Schlafqualität zu. Dabei waren die Effekte bei Personen mit schlechtem Schlaf größer als bei Personen, die sich selbst als “gute Schläfer„ charakterisierten. Die Einnahme von Baldrian hatte keinen Einfluss auf die Müdigkeit nach dem Aufstehen und die Fähigkeit, sich an Träume zu erinnern.
Eine andere Studie verglich Baldrian (600 mg/Tag) mit dem chemischen Schlafmittel Oxazepam an 202 Patienten mit nicht organisch bedingter Schlaflosigkeit. Dabei wirkte Baldrian ebenso gut wie das synthetische Schlafmittel (Oxazepam; 10 mg/Tag).

Wirkung auf Schlaf-Rezeptoren

Aus Baldrian-Extrakten wurde eine Substanz isoliert (Deoxysaccharosyl-Olivil), die im Gehirn an einen „Schlaf-Rezeptor“ bindet (Adenosin-1-Rezeptor). Wie der natürliche Botenstoff (Adenosin) führt Baldrian zu Ermüdung. An diesen Rezeptor bindet auch das Koffein, jedoch mit einer gegensätzlichen Wirkung: Man wird wach. Das Olivil aus der Baldrianwurzel bindet so fest an den Rezeptor, dass das Koffein verdrängt wird. Somit ist auch dessen Wirkung aufgehoben und die Müdigkeit setzt ein.

GABA (γ-Aminobuttersäure) gilt als bedeutender Botenstoff, der eine Schlüsselrolle bei Stress und Angstreaktionen einnimmt, aber auch krampflösend wirken kann. Baldrian-Extrakte (vor allem die Valerensäuren) verursachen über verschiedene Mechanismen eine Anreicherung von GABA. Außerdem binden Bestandteile des wässrigen Baldrian-Extrakts am GABA-Rezeptor an dieselbe Stelle wie bestimmte Beruhigungsmittel (Barbiturate und Benzodiazepine). Baldrian wirkt wie diese synthetischen Beruhigungsmittel entspannend, allerdings weniger intensiv. Bei Entzugserscheinungen nach einer Behandlung mit Benzodiazepinen konnten Baldrian-Extrakte das subjektive Empfinden und die Schlafqualität verbessern (100 mg, 3 x täglich). Die Symptome können jedoch nicht ganz aufgehoben werden.

Krampflösende und Muskel-entspannende Wirkung:

Baldrian (insbesondere die Verbindungen der Valerensäure) wirkt im Tierversuch auf die so genannte glatte Muskulatur, die nicht der bewussten Steuerung unterliegt. Man findet sie z.B. im Magen-Darmtrakt und der Gebärmutter. Baldrian entspannt und vermindert Koliken der Eingeweide. Er wird auch gegen Reizmagen sowie Reizblase eingenommen.

Auch die steuerbare (sog. quergestreifte) Muskulatur kann auf eine Behandlung mit Baldrian-Extrakt ansprechen. An Mäusen wurde mit 100 mg/kg Baldrian-Extrakt ein Krampf in den Beinen vollständig unterdrückt.

Um die Jahrhundertwende setzte man Baldrian mitunter auch zur Behandlung von epileptischen Krampfanfällen und Hysterie ein.

Angstlösende Wirkung:

Zu den angstlösenden Eigenschaften gibt es weit weniger Untersuchungen, als zu der schlaffördernden Wirkung, aber es gibt eindeutige Hinweise auf diese Aktivität.

Gesunde Testpersonen wurden einer künstlich erzeugten Stress-Situation ausgesetzt. Die Einnahme von Baldrian-Extrakt (50 mg 3x täglich für 4 Wochen, bzw. 600 mg 1x täglich für 7 Tage) wirkte sich positiv auf die Angstgefühle und das subjektiven Empfinden aus. In einer Studie sanken außerdem Blutdruck und Herzfrequenz der Testpersonen.

Die angstlösende Wirkung von Baldrian reicht bei weitem nicht an die von Kava-Kava-Wurzelstock heran, einer Heilpflanze, die vom Markt genommen wurde.

Antiulzerogene (=gegen Geschwüre gerichtet) Eigenschaften:

Versuchstiere mit chemisch vorgeschädigtem Magen reagieren bei Stress mit der Bildung von Magengeschwüren. In einer Dosis von 100 mg/kg führte Valeranon (ein Bestandteil des Baldrian-Extraktes) zu 51% weniger Ulkus-Symptomen, bei einer Dosierung 320 mg/kg wurden Hemmeffekte bis etwa 80% erreicht.
Zu beachten ist, dass die Ursache der meisten Magengeschwüre beim Menschen eine Infektion mit dem BakteriumHelicobacter pylori“ ist. Stress verstärkt die Symptome von Magenerkrankungen. Wenn Helicobacter pylori nachgewiesen wurde, sollte man mit einem Antibiotikum und säuredämpfenden Mitteln (so genannten Protonenpumpenhemmern) behandeln.

Die Wirkung von Baldrian bei nervösen Magenbeschwerden am Menschen ist bisher nicht durch klinische Studien belegt.

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