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Baldrian

Die blassrosa Blüten des Baldrians begleiten Bachläufe.

Baldrian: Das natürliche Schlafmittel

Der Vorteil gegenüber synthetischen Präparaten liegt darin, dass Baldrian weder abhängig macht noch zu Tagesmüdigkeit führt.

Von: PhytoDoc-Redaktion

Baldrian kompakt: Die wichtigsten Fakten

Klassische Heilpflanze bei Einschlafstörungen und Nervosität

Baldrian (Valeriana officinalis) war schon in der Antike als Heilpflanze bekannt und erfreut sich auch im 21. Jahrhundert einer stetigen Nachfrage. Der zwischen 50 und 180 cm hohe Baldrian kommt in Europa und in gemäßigten Zonen Asiens vor. Mit seinen blasslila Blüten macht er an Bachläufen im Juli auf sich aufmerksam. Für den medizinischen Gebrauch werden die Wurzeln des Heilkrauts verarbeitet („Valerianae radix“).

In erster Linie ist Baldrian für seine beruhigende und krampflösende Wirkung bekannt. Häufig wird er bei Stress, Schlafstörungen, Prüfungsangst oder Nervosität eingesetzt. 

Baldrianpräparate gibt es in Form von Dragees, Tropfen, Tinkturen, Tees und Badezusätzen. Baldrian gilt als sehr verträglich und macht nicht benommen. Folgende Nebenwirkungen sind daher sehr selten.

Anwendung: Wie gut hilft Baldrian?

Baldrian-Präparate sind klassische, natürliche Schlafmittel. Ihr Wirkschwerpunkt liegt auf Einschlafstörungen, weniger auf Durchschlafstörungen. Die Wirkung von Baldrianpräparaten bei Einschlafstörungen ist durch zahlreiche Versuche und klinische Studien verbürgt.

Die Baldrianextrakte können daneben bei inneren Unruhezuständen, Angst oder Wechseljahresbeschwerden eingesetzt werden. Baldrian unterstützt auch die Entspannung der Muskulatur. Er hilft daher sehr wahrscheinlich auch bei Magen-Darmkrämpfen, Menstruationsbeschwerden und Reizblase.

Der Vorteil gegenüber synthetischen Schlafmitteln liegt darin, dass Baldrian weder abhängig macht noch zu Tagesmüdigkeit führt. Außerdem bleibt die natürliche Abfolge der Schlafphasen erhalten und man spürt keine Benommenheit beim Aufwachen. Allerdings wirkt er nicht sofort, sondern muss länger (2 Wochen) in ausreichender Dosierung eingenommen werden.

Alle Anwendungen im Überblick, sortiert nach Wirksamkeit

Hinweis: die möglichen Anwendungsgebiete (Indikationen) sind drei verschiedenen Kategorien zugeordnet, je nach Studienlage.

Eine ausführliche Definition erhalten Sie, wenn Sie mit der Maus über die jeweiligen Blätter fahren.

Gesicherte Wirksamkeit
Wirksamkeit laut Erfahrungsheilkunde
Bisher keine Beweise zur Wirksamkeit, aber Potenzial
  • Bettnässen, symptomlindernd
  • Entzündung der Magenschleimhaut (Gastritis), Magenkrämpfe
  • Koliken, Gebärmutterkrämpfe
  • Muskel-, Kopf- und Nervenschmerzen, z.B. bei RheumaArthritis und Neuralgien
  • Raucherentwöhnung

Heilwirkung von Baldrian

Alle Pflanzen enthalten im Gegensatz zu synthetischen Schlafmitteln einen Mix an Inhalts- und Wirkstoffen. In Baldrian-Präparaten lassen sich etwa 150 verschiedene Bestandteile isolieren. Trotz intensiver Bemühungen, die Wirksamkeit auf Einzelsubstanzen zu reduzieren, zeigte sich, dass Baldrian vor allem als Gesamtextrakt wirkt.

Multikomponenten Wirkung auf die Schlafbereitschaft

Schlaf ist eine komplexe, durch Nerven gesteuerte Reaktion. Mehrere Aspekte des Schlafverhaltens werden durch Baldrian-Extrakte beeinflusst:

Wirkung auf die Bewegungsneigung

Im Schlaf wird die Aktivität von motorischen Nervenzellen gehemmt. Das führt dazu, dass sich der Mensch während des Schlafes nur sehr wenig bewegt.

In vielen Versuchen konnte man zeigen, dass Baldrian-Extrakte (250 mg/kg) oder einzelne Inhaltsstoffe (Valeranon und Valtrat, 16 mg/kg) die spontane Bewegung von Mäusen reduzierte. Baldrian verringert so die körperliche Aktivität und stimmt auf das Schlafen ein.

Zentral dämpfende Wirkung

Im Tierversuch hemmten bestimmte Bestandteile des Extraktes (Valepotriate) und deren Abbauprodukte (50 mg/kg) sowie der Baldrian-Extrakt (50 mg/kg) den Zuckerumsatz in nahezu allen Bereichen des Gehirns. Dies ist ein Hinweis für eine dämpfende Wirkung von Baldrian.

Schlaffördernde Wirkung

Nach 14-tägiger Einnahme von 400-600 mg/Tag Baldrian-Extrakt wurde die Tiefschlafphase signifikant verlängert. Nach subjektiver Beurteilung nahm die Schlafqualität zu. Dabei waren die Effekte bei Personen mit schlechtem Schlaf größer als bei Personen, die sich selbst als “gute Schläfer„ charakterisierten. Die Einnahme von Baldrian hatte keinen Einfluss auf die Müdigkeit nach dem Aufstehen und die Fähigkeit, sich an Träume zu erinnern.

Baldrian ist ebenbürtig zu Schlafmitteln

Eine Studie verglich Baldrian (600 mg/Tag) mit dem chemischen Schlafmittel Oxazepam an 202 Patienten mit nicht organisch bedingter Schlaflosigkeit. Dabei wirkte Baldrian ebenso gut wie das synthetische Schlafmittel (Oxazepam; 10 mg/Tag).

Wirkung auf Schlaf-Rezeptoren

Aus Baldrian-Extrakten wurde eine Substanz isoliert (Deoxysaccharosyl-Olivil), die im Gehirn an einen „Schlaf-Rezeptor“ bindet (Adenosin-1-Rezeptor). Wie der natürliche Botenstoff (Adenosin) führt Baldrian zu Ermüdung.

Baldrian hebt Coffeinwirkung auf

An den genannten Rezeptor bindet auch das Koffein, jedoch mit einer gegensätzlichen Wirkung: Man wird wach. Das Olivil aus der Baldrianwurzel bindet aber fester an den Rezeptor, so dass das Koffein verdrängt wird. Somit ist auch dessen Wirkung aufgehoben und die Müdigkeit setzt ein.

Krampflösende und Muskel-entspannende Wirkung

Baldrian (insbesondere die Verbindungen der Valerensäure) wirkt im Tierversuch auf die so genannte glatte Muskulatur, die nicht der bewussten Steuerung unterliegt. Man findet sie z.B. im Magen-Darmtrakt und der Gebärmutter. Baldrian entspannt und vermindert Koliken der Eingeweide. Er wird auch gegen Reizmagen sowie Reizblase eingenommen.

Auch die steuerbare (sog. quergestreifte) Muskulatur kann auf eine Behandlung mit Baldrian-Extrakt ansprechen. An Mäusen wurde mit 100 mg/kg Baldrian-Extrakt ein Krampf in den Beinen vollständig unterdrückt.

Um die Jahrhundertwende setzte man Baldrian mitunter auch zur Behandlung von epileptischen Krampfanfällen und Hysterie ein.

Angstlösende Wirkung

Zu den angstlösenden Eigenschaften gibt es weit weniger Untersuchungen, als zu der schlaffördernden Wirkung, aber es gibt eindeutige Hinweise auf diese Aktivität.

GABA (γ-Aminobuttersäure) gilt als bedeutender Botenstoff, der eine Schlüsselrolle bei Stress und Angstreaktionen einnimmt, aber auch krampflösend wirken kann. Baldrian-Extrakte (vor allem die Valerensäuren) verursachen über verschiedene Mechanismen eine Anreicherung von GABA. Außerdem binden Bestandteile des wässrigen Baldrian-Extrakts am GABA-Rezeptor an dieselbe Stelle wie bestimmte Beruhigungsmittel (Barbiturate und Benzodiazepine). Baldrian wirkt wie diese synthetischen Beruhigungsmittel entspannend, allerdings weniger intensiv. Bei Entzugserscheinungen nach einer Behandlung mit Benzodiazepinen konnten Baldrian-Extrakte das subjektive Empfinden und die Schlafqualität verbessern (100 mg, 3 x täglich). Die Symptome können jedoch nicht ganz aufgehoben werden.

Gesunde Testpersonen wurden einer künstlich erzeugten Stress-Situation ausgesetzt. Die Einnahme von Baldrian-Extrakt (50 mg 3 x täglich für 4 Wochen, bzw. 600 mg 1 x täglich für 7 Tage) wirkte sich positiv auf die Angstgefühle und das subjektive Empfinden aus. In einer Studie sanken außerdem Blutdruck und Herzfrequenz der Testpersonen.

Die angstlösende Wirkung von Baldrian reicht bei weitem nicht an die von Kava-Kava-Wurzelstock heran. Leider wurde diese Heilpflanze vom Markt genommen. Darum ist Baldrian die beste verfügbare Alternative gegen nervöse Unruhe und nervöse Angstzustände.

Antiulzerogene (= gegen Geschwüre gerichtet) Eigenschaften:

Versuchstiere mit chemisch vorgeschädigtem Magen reagieren bei Stress mit der Bildung von Magengeschwüren. In einer Dosis von 100 mg/kg führte Valeranon (ein Bestandteil des Baldrian-Extraktes) zu 51 % weniger Ulkus-Symptomen, bei einer Dosierung 320 mg/kg wurden Hemmeffekte bis etwa 80 % erreicht.

Zu beachten ist, dass die Ursache der meisten Magengeschwüre beim Menschen eine Infektion mit dem BakteriumHelicobacter pylori“ ist. Stress verstärkt die Symptome von Magenerkrankungen. Wenn Helicobacter pylori nachgewiesen wurde, sollte man mit einem Antibiotikum und säuredämpfenden Mitteln (so genannten Protonenpumpenhemmern) behandeln.

Die Wirkung von Baldrian bei nervösen Magenbeschwerden am Menschen ist bisher nicht durch klinische Studien belegt.

Praktische Anwendung: Produkte & Hausmittel

Es gibt zahlreiche Baldrian-Präparate als Tees, Dragees, Tropfen, Tinkturen und Badezusätze. Über 80 % der Präparate sind Mischungen mit anderen Phytopharmaka z.B. Johanniskraut, Melisse, Passionsblume und Hopfen, welche die beruhigenden Eigenschaften des Baldrians ergänzen. Kapseln, Dragees und Brausetabletten werden meist aus Trockenextrakten hergestellt.

Baldrianhaltige Arzneimittel sollten auf einen bestimmten Gehalt an Leitsubstanzen (Sesquiterpenen, 0,4 bis 0,6 Prozent) standardisiert sein.

Tinkturen und Extrakte sollten dicht verschlossen und vor Licht geschützt aufbewahrt werden.

Hinweis: Es sind verschiedene Baldrianarten in Gebrauch. Wegen eines schädlichen Inhaltsstoffes sollte indischer und mexikanischer Baldrian (Valeriana wallichii und Valeriana edulis) nach Einschätzung der Kommission E nicht verwendet werden.

Palette der Phytopharmaka und Dosierung

Als Dosierung empfohlen sind, je nach Indikation, 50-600 mg Trockenextrakt pro Tag. Baldrian-Präparate wirken nicht sofort, sondern erreichen ihre volle Wirksamkeit erst nach 2-4 Wochen.

Baldrian-Dragees: 1-4 Dragees mit jeweils 300 mg Baldrian-Extrakt über den Tag verteilt einnehmen.

Baldrian-Tinktur: ½-1 Teelöffel mehrmals täglich einnehmen (entspricht 1-3 ml). In der Vergangenheit wurde oft zu wenig Wirkstoff gegeben. Dies kann zu einer gegenteiligen (paradoxen) Reaktion führen (z.B. Nervosität).

Hausmittel: Tee und Baldrian-Bad

Baldrian-Bad: Vor dem Schlafengehen ein Bad in nicht zu heißem Wasser (< 37°C) nehmen. Dazu 100 g Wurzel in 3 Litern Wasser für 10 Minuten kochen und nach dem Abseihen dem Badewasser zugeben.

Teerezepte

Beliebt und bewährt haben sich zur Unterstützung der Phytotherapeutika auch verschiedene Teemischungen mit schlafanstoßender und beruhigender Wirkung:

Standardzulassung: Baldrianwurzel – Hopfenzapfen – Melissenblätter – Pfefferminzblätter – Pomeranzenschalen

Ein gehäufter Teelöffel wird mit 150 ml (einer Tasse) heißem Wasser übergossen und 10 Minuten ziehen gelassen, dann Abseihen. Man kann bis zu 5 Tassen des frisch zubereiteten Tees trinken. Etwa 1,5 Stunden vor dem Schlafengehen trinkt man 2 Tassen davon. Achten Sie auf ein ruhiges Ambiente, gedämpftes Licht und leise Geräusche, eben alles, was auf den Schlaf einstimmt.

Wirkstoffe

  • Ätherische Öle: 0,3 bis 0,8 % (manchmal über 1 %)
  • Monoterpene, z. B. Borneol, Bornylacetat, Bornylisovalerat, Camphen, Campher
  • Sesquiterpene, z. B. Valeranon, Valerenal, Valerenol, Valerenylacetat, Valerenylisovalerat
  • Sesquiterpensäuren: Acetoxyvalerensäure, Hydroxyvalerensäure und Valerensäure
  • Phenolcarbonsäuren: Chlorogensäure, Kaffeesäure und 1 bis 2 % trans-Hesperidinsäure
  • Valepotriate: Eine schonend getrocknete Droge enthält 0,5 bis 2 % Valepotriate mit Valtrat, kleineren Mengen Acevaltrat, Didrovaltrat, Isovaltrat. In Zubereitungen sind meist nur die Abbauprodukte der Valepotriate enthalten. Sie werden zu sog. Baldrinalen und den freien Säuren abgebaut.
  • Alkaloide: 0,01 bis 0,05 % Alkaloide, wie z. B. Valerianin, α-Methylpyrrolketon, Actinidin, Naphthylmethylketon sowie die Baldrian-Haupt-(I) und Neben-(II)-Alkaloide
  • Aminosäuren: γ-Aminobuttersäure (GABA), Tyrosin, Arginin, Glutamin

Baldrian ist nicht gleich Baldrian: Die zahlreichen Varietäten spiegeln sich auch in der Zusammensetzung der Inhaltsstoffe wider.

Für den charakteristischen Geruch ist die Isovaleriansäure verantwortlich. Ein hoher Gehalt dieser Substanz verschlechtert die geruchliche Qualität von Baldrianölen.