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Wilde Karde: Hilft sie wirklich bei Borreliose?

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Bisher liegen keine aussagekräftigen Beweise für die Wirksamkeit der Karde vor, die Inhaltsstoffe geben aber Anhaltspunkte.

Von: Dr. Corinna Cappellaro

Von der Traditionsheilkunde in die moderne Phytotherapie?

Es gibt zahlreiche Heilpflanzen, die zwar in der Traditionsheilkunde einen festen Platz haben, nicht aber in den Listen der offiziellen nationalen Autoritäten (Kommission E) oder internationalen Schiedsstellen (ESCOP) erscheinen. Das ist immer dann der Fall, wenn die Anwendung nicht mit wissenschaftlichen Daten belegt ist. Die Wilde Karde (Dipsacus fullonum L., oder synonym Dipsacus sylvestris Huds.) gehört zu dieser Kategorie. Dennoch wird die Karde nicht nur bei uns genutzt, auch die Traditionsheilkunde in China, Korea und Japan hat sie schon vor langer Zeit entdeckt, hier sind es aber andere Arten, die genutzt werden (wie Dipsacus asper und D. asperoides).

 In den letzten Jahren wurde die Wilde Karde auch bei uns populärer, da sie als Heilmittel gegen die schwer zu behandelnden Borreliose-Infektionen gilt. Gerade Menschen, die mit der Schulmedizin nicht zufrieden sind, setzen große Hoffnungen in die Pflanze. Aber wie ist die wissenschaftliche Sicht, hat die lange Anwendungstradition ihre Berechtigung?

Hilft die Wilde Karde gegen Borreliose?

Ja, sagt der Ethnobotaniker Dr. Storl. Seiner Ansicht nach sind aus der Erfahrungsheilkunde ausreichend Fakten vorhanden, dass eine Tinktur aus der Kardenwurzel helfen kann. Dennoch ist dieser Standpunkt derzeit umstritten. Obwohl die Wilde Karde bei uns weit verbreitet ist und vielen bekannt sein dürfte, wurde sie von der Forschung bisher weitgehend ignoriert.

Die Wilde Karde, das Pflanzenbild

Die Wilde Karde (Dipsacus fullonum L. oder synonym: Dipsacus sylvestris Huds.) sieht zwar einer Distel sehr ähnlich, gehört aber zur Familie der Geißblattgewächse und der Unterfamilie der Kardengewächse. Die Stängel und oft auch die Blätter sind mit Stacheln versehen. Eine Besonderheit ist die Art, wie die Blätter den Stängel umschließen: An der Basis bilden sie ein kleines Becken, in dem sich Wasser und Tau sammelt. Daher auch der Name Dipsacus - aus dem griechischen dipsa für Durst. Besonders charakteristisch für die Pflanze sind die kreisförmig aufblühenden kleinen violetten Einzelblüten am eiförmigen Blütenstand. Nach und nach wandern Ringe kleiner Blüten über den Blütenstand. In der vorwissenschaftlichen Zeit im Mittelalter, glaubte man, dass dieses augenfällige Zeichen die Wirkung der Pflanze anzeige. Nach dieser Lehre – sie ist auch als „Signaturenlehre“ bekannt – hilft also die Wilde Karde gegen kreisförmige und wandernde Hauterscheinungen (Erythema migrans oder Wanderröte), wie sie bei Lyme-Borreliose vorkommen. Aber das ist bei Weitem nicht die einzige Anwendung, man vermutet daneben weitere nützliche Eigenschaften.

Das traditionelle Wirkprofil der Wilden Karde

Nach den Erfahrungen der Traditionsheilkunde wirkt die Karde:

  • antibakteriell, antifungal → davon abgeleitet wird die Wirkung gegen Infektionen wie z. B. Borreliose, Wunden, Hautkrankheiten, aber auch Durchfall
  • blutreinigend, harntreibend, schweißtreibend → entgiftend, ausleitend, leber- und nieren-stärkend → Gicht, Gelbsucht Leberkrankheiten, Ödeme
  • anti-entzündlich → Kopfschmerzen, Rheuma, Arthritis, Gicht, entzündliche Hautkrankheiten
  • verdauungsstärkend → Magen-, Gallen-, Verdauungsschwäche

Auch die Homöopathie bedient sich der Karde in verschiedenen Verdünnungen. Die Urtinktur (D1) soll gegen diverse Hautleiden (Akne, Warzen, kleine Wunden, Risse an den Lippen (Ragaden), Furunkel oder Schuppenflechte) und Tuberkulose helfen. Einreibungen nimmt man gegen Rheumatismus und zum Bleichen von Sommersprossen. Innerlich war die Wilde Karde früher als harn- und schweißtreibendes Mittel, gegen Kopfschmerzen und Gelenkrheumatismus in Gebrauch.

Welche Bestandteile werden genutzt?

Üblicherweise wird die gehackte Wurzel in Alkohol eingelegt, gebräuchlich ist aber auch ein Tee aus der Karden-Wurzel.

Karde: dünne Studienlage

Heute legt man natürlich andere Maßstäbe an: Nur Wirkstoffe oder klinische Studien sind als Beweis für die Wirksamkeit zugelassen. Immerhin, erste Versuche liegen vor:

Die Anti-Borreliose-Wirkung ist im Labor getestet

Ein erster Laborversuch liefert Anhaltspunkte zur Wirkung gegen Borrelien: So stellt eine Arbeitsgruppe an der Universität Leipzig fest, dass in einem Wurzelextrakt mit Ethylacetat eine Substanz enthalten ist, die das Wachstum von Borrelienkulturen hemmt. Hier ergeben sich übrigens gewisse Parallelen zur chinesischen Variante der Karde, Dipsacus asper, sie wird ebenfalls gegen die Lyme-Borreliose und Fibromyalgie verwendet. Jetzt muss noch gezeigt werden, dass dieser Stoff auch im lebenden Organismus wirkt, denn ob eine Aufnahme im Darm erfolgt, ist nicht selbstverständlich.

Anhaltspunkt Inhaltsstoffe

Eine gewisse Wirkung lässt sich anhand bekannter Inhaltsstoffe abschätzen. Von den etwa 20 Kardenarten aus Europa, Asien und Afrika wurden bisher 89 Inhaltsstoffe isoliert: Ganz typische für die Gattung sind Terpene, meist Mono- und Triterpene (Saponine) und Phenole. Die Stoffe sind, so viel man weiß, auch in der Wilden Karde enthalten:

  • Iridoide: Sie gehören zu der sehr vielgestaltigen Gruppe der Monoterpene, 27 verschiedene wurden bisher isoliert. Die Pflanzen produzieren sie, um sich vor Fressfeinden und Mikroorganismen zu schützen. In der Regel sind sie an Zucker gebunden (Iridoidglycoside), das macht die Verbindungen gut wasserlöslich. Iridoide zeigen sehr häufig antientzündliche, antioxidative und wundheilungsfördernde Effekte. Sie wurden aus den Samen der Wilde Karde isoliert. Mit der chinesischen Variante Dipsacus asper teilt die Karde die Iridoide Loganin, Swerosid, Sylvestroside und Cantleyosid. Für Swerosid weisen Versuche auf eine leberschützende und antitumor-Wirkung hin, für Loganin eine nervenschützende. Mit Loganin und Swerosid – vermutlich auch Cantleyosid - lassen sich außerdem verschiedene Bakterien und Pilze hemmen, ganz wie von der Traditionsheilkunde vermutet.
  • Bitterstoffe: Einen weiteren Effekt lösen die Iridoide über ihre Bitternis aus. Schon beim ersten Kontakt mit Bitterstoffen reagiert die Zunge: Das alleine reicht schon, um über Reflexe die Speichel- und Magensaftsekretion anzuregen sowie die Produktion von Galle und Bauchspeicheldrüsensekret. So regen Bitterstoffe einfach und verbindlich die Verdauung und Appetit an. Nebenbei regulieren sie die Darmbewegung. Auch hier dürfte die Erfahrungsheilkunde mit der verdauungsfördernden Wirkung Recht behalten.
  • Saponine: Charakterisiert sind diese Stoffe durch ihre seifenähnliche Eigenschaft: sie schäumen und setzen die Oberflächenspannung herab. Die verschiedenen Saponine aus zahlreichen Heilpflanzen haben mannigfaltige Wirkungen: Sie besänftigen Entzündungen, stärken die Immunantwort oder haben hormonelle und schützende Eigenschaften (Herz, Kreislauf, Nerven). Einige Saponine hemmen außerdem Osteoporose, Pilzwachstum und bekämpfen Bakterien. Sie können Sekrete verflüssigen und kommen daher häufig bei Erkältungskrankheiten mit zähem Schleim zum Einsatz. Saponine schädigen auch Krebszellen, zumindest in experimentellen Situationen im Labor. Ins Blut dürfen Saponine nicht in größeren Mengen gelangen, denn sie lösen die Blutplättchen auf und beeinflussen die Blutgerinnung (positiv oder negativ).
    Für Karden sind Saponine typische Bestandteile, sie enthalten eine ganze Reihe davon. Bei der Wilden Karde ist bisher nur eines beschrieben (Scabiosid), neuere Bestätigungen des Befunds stehen aus. Welche individuellen Effekte das Saponin in der Wilden Karde speziell hat, ist darüber hinaus nicht untersucht. Wenngleich Saponine eine wirkungsvolle Stoffgruppe sind, kann hier keine Aussage über die Pflanze getroffen werden.
  • Phenole: Phenolische Säuren wie Kaffeesäure, Chlorogensäure, Protocatechusäure wirken antioxidativ und dämpfen daher die Folgen von Entzündungen, verlangsamen allgemein Alterungsvorgänge, die zu Herz-Kreislauferkrankungen, Arteriosklerose, die Entstehung von Krebs führen („anti-mutagen“). Phenole wie Protocatechusäure schützen vor den Folgen von Diabetes und erwiesen sich in Experimenten an Mäusen bei Arthritis auch schmerzlindernd. Auch hier trifft offensichtlich die traditionelle Annahme zu.
  • Gerbstoffe: Oftmals werden Gerbstoffe zu den Inhaltsstoffen der Karde gezählt. Sie wirken adstringierend und schließen Oberflächen ab. Sinnvoller Weise werden sie bei Durchfall und Wunden eingesetzt. Ob die Karde tatsächlich Gerbstoffe enthält, muss noch bestätigt werden.

Karde in China

Nicht nur die europäische Heilkunde, auch die Traditionelle Chinesische Medizin hat das Potential der Karde längst entdeckt. Dennoch: Auch in China haben noch keine Studien am Menschen stattgefunden, es sind aber mehr wissenschaftliche Grundlagen gelegt. So ist die Karde Dipsacus asper nicht nur durch die Überlieferung sondern auch durch Labor und Tierversuche charakterisiert. Insgesamt ist die Wirkung recht ähnlich zur Wilden Karde:

  • Dipsacus asper wird - wie die Wilde Karde bei uns - wegen des antibakteriellen und antientzündlichen Nutzens geschätzt. Darüber hinaus vermutet man eine antivirale Wirkung (gegen Hepatitis B Virus und HIV).
  • Kürzlich geprüft wurde der stimulierende Effekt für Knochenwachstum im Tierversuch, denn Dipsacus asper wird traditionell auch gegen Osteoporose, Rückenschmerzen und Knochenbrüche eingesetzt.
  • Auch für einen Nutzen gegen Alzheimer gibt es Belege aus dem Labor: Offensichtlich schützen die Saponine und andere Bestandteile die Nervenzellen vor der Giftigkeit des Amyloid beta-Proteins. So verwendet man Dipsacus als Tonicum und Anti-Aging-Mittel.
  • Der reiche Gehalt an Antioxidantien wird ebenfalls als Rechtfertigung hierfür herangezogen, weshalb man neuerdings auch eine Wirkung gegen Arteriosklerose annimmt.
  • Saponine in höheren Mengen sind zellgiftig und tumorschädigend, weshalb man in der Zukunft daraus möglicher Weise ein Mittel gegen Krebs isolieren könnte.

Wie verträglich ist die Karde?

Gründliche Untersuchungen zur Toxizität und Pharmakologie der Tinktur gibt es leider nicht. Erfahrungen lassen annehmen, dass der alkoholische Extrakt meist gut verträglich ist. Möglicherweise löst Kardentinktur Hautausschläge aus, in seltenen Fällen Kreislaufprobleme, Herzrasen, Angstzustände oder Schüttelfrost. Zumindest bei den asiatischen Formen der Karde Dipsacus asper und D. asperoides liegen Tierversuche vor, die annehmen lassen, dass der Wurzelextrakt nicht für Schwangere geeignet ist, da die Pflanze hormonell aktiv ist und auf die Uterusmuskulatur wirkt.

Fazit: antibiotisch, antientzündlich und schützend

Zwar liegen bisher keine aussagekräftigen Beweise für die Wirksamkeit zur Karde vor, auf Grund der Inhaltsstoffe lässt sich aber ableiten, dass die Wurzel der Karde gewisse antibiotische und antientzündliche sowie zellschützende Aktivitäten vereinen dürfte. Ob dadurch Borreliose geheilt wird, ist aus den vorhandenen Daten (noch) nicht abschätzbar. Gegen eine begleitende Anwendung zur schulmedizinischen Therapie (Antibiotika) ist bei derzeitiger Datenlage nichts einzuwenden. Dennoch ersetzt die Kardentinktur keine schulmedizinische Behandlung. Bei chronischer Borreliose gilt die Karde allerdings als große Hoffnung im Rahmen eines naturheilkundlichen Gesamtkonzepts. Besprechen Sie diese Möglichkeit mit Ihrem behandelnden Therapeuten.

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Quellen/Weitere Informationen

Literatur und Links