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Wildes Stiefmütterchen

© Henrik Larsson/Fotolia.com.

Stiefmütterchen: kleines Kraut ganz groß

Das Stiefmütterchen ist ein Spezialist bei Entzündungen und verdient mehr Beachtung!

Von: PhytoDoc-Redaktion

Das Kraut hat es in sich!

Mit 10 cm Höhe und den kleine Blüten ist das Wilde Stiefmütterchen (Viola tricolor L.) eine eher unscheinbare Heilpflanze. Doch das Kraut hat es in sich. So wird es seit altersher wegen seiner antientzündlichen Wirkung gepriesen. Moderne Forschungen haben das bestätigen können, wirkt es doch ähnlich wie Aspirin. Auch vollkommen neue Inhaltsstoffe aus der Gruppe der Peptide hat man im Stiefmütterchen gefunden. Sie könnten mit ihren pharmakologischen Eigenschaften noch Karriere machen. Heute verwendet man die Pflanze aber nur sehr eingeschränkt. Lediglich die Wirkungsweise bei Milchschorf und fettiger Haut sind von der Kommission E bestätigt. Dennoch dürften die Inhaltsstoffe auch nützlich sein bei Hautentzündungen, -reizungen und Juckreiz. Verwendet wird meist der Tee, das abgekochte Kraut oder eine Tinktur. Hautpflegeprodukte für einen ebenmäßigen Teint enthalten einen Extrakt.

Wogegen hilft Wildes Stiefmütterchen?

Spezialist bei Entzündungen: das Wilde Stiefmütterchen

Früher hatte das Stiefmütterchen einen festen Platz in der Apotheke. Man behandelte damit entzündliche Erkrankungen (Haut, Schleimhaut, Atemorgane, Gelenke). Die Kommission E hat zwar nur Michlschorf und fettige Haut (seborrhoische Dermatose) als Anwendungsgebiete bestätigt, vermutlich dürfte das Wilde Stiefmütterchen aber auch bei anderen entzündlichen Zuständen wie Ekzemen, Dermatitis und Schuppenflechte sowie Akne und Juckreiz Linderung verschaffen. Klinische Studien fehlen allerdings. Auch für zahlreiche andere traditionelle Anwendungen – von blutreinigend bis stärkend – fehlen die objektiven Belege.

Heilwirkung von Wildes Stiefmütterchen

Omas Standard bei Entzündungen

Die Phytotherapie setzt das Stiefmütterchen seit jeher als typisches Heilmittel bei entzündlichen Zuständen ein. Ein Blick auf die Inhaltsstoffe zeigt warum: Das Kraut des Wilden Stiefmütterchens enthält Methylsalicylsäure und Derivate davon. Diese Verbindungen sind mit dem Wirkstoff Acetylsalicylsäure des Aspirins verwandt und wirken auch ganz ähnlich. So lindern sie Entzündungen und entsprechende entzündliche Begleitbeschwerden wie Rötung und Schmerz.

Antientzündlicher Cocktail

Neben den Salicylaten gibt es noch weitere Inhaltsstoffe, die ebenfalls ähnlich wirken, wie die Flavonoide Rutin und Violanthin. Sie dämpfen den oxidativen Schaden, den eine Entzündung anrichten kann. Damit wäre durchaus ein Nutzen bei entzündlichen Hauterkrankungen anzunehmen. Auch heute noch verwendet man das Wilde Stiefmütterchen äußerlich bei Ekzemen, Eiterflechte (Impetigo), Hautjucken und Akne.

Daneben hüllt es die Schleimhaut ein: Bei Rachenerkrankungen und Halsschmerzen soll das Gurgeln des Tees lindernd wirken. Klinische Studien gibt es zwar nicht, dennoch verweisen Laborversuche auf einen immundämpfenden Effekt, der eine überschießende Aktivität des Immunsystems hemmt. Diese folgt üblicher Weise einer Entzündung oder Infektion. Ob freilich die Stärke ausreicht, um Gelenkschmerzen wie Rheuma und Gicht oder Erkältungsbeschwerden und Fieber zu bekämpfen, ist unsicher.

Das Stiefmütterchen ist als Heilpflanze etwas in Vergessenheit geraten. Das könnte sich jetzt ändern, denn man hat neue Entdeckungen gemacht.

Mit „Cyclotiden“ wieder ins Rampenlicht

Das Wilde Stiefmütterchen enthält eine neu entdeckte Stoffklasse aus Peptiden. Die Besonderheit dabei: Es handelt sich um kreisförmig geschlossene, also „cyclische Peptide“ oder kurz „Cyclotide“. Zahlreiche interne Vernetzungen machen diese Verbindungen enorm stabil. Das ist der springende Punkt, denn für eine effektive Anwendung müssen die Wirkstoffe nicht nur das kochende Wasser beim Aufbrühen des Tees unbeschadet überstehen, sondern auch im Magen-Darmtrakt den Enzymen trotzen.

Cyclotide schützen die Pflanze selbst vor Schäden durch Insekten und Schneckenfraß. In der Heilkunde kommen sie mit antiviralen (gegen HIV), antientzündlichen und zellteilungshemmenden Eigenschaften für viele Anwendungen in Betracht. So hegt man die Hoffnung, dass diese Moleküle wegen ihrer Stabilität und Langlebigkeit im Organismus eine hohe Bioverfügbarkeit haben und so zu einer neuen Gruppe pharmakologischer Wirkstoffe heranreifen könnten. Die Cyclotide des Stiefmütterchens haben eine maßgebliche immundämpfende Wirkung. In größeren Mengen sind sie giftig für Krebszellen, in hohen Mengen bringen sie Blutkörperchen zum Platzen (hämolytische Wirkung). Neue Ergebnisse werden mit Spannung erwartet, praktische Anwendungen gibt es noch nicht.

Antibiotisch und verschließend

Bei allen entzündlichen Zuständen von Haut und Schleimhaut sind infektiöse Angreifer am Werk. Hier helfen eine Abkochung des Krauts oder ein alkoholischer Extrakt mit ihrer antibiotischen Wirkung. Durch das Bekämpfen von Erregern kann die Entzündung schneller abklingen. Zudem hinterlassen die Gerbstoffe einen Haut- und Schleimhautschutz (adstringierende Wirkung), während die Schleimstoffe für eine reizmildernde Umhüllung sorgen.

Traditionell und nicht geprüft

Die ältere Pflanzenheilkunde schreibt den Schleimstoffen des Stiefmütterchens einen hustenstillenden Effekt zu. Daneben gilt das Wilde Stiefmütterchen als gallenflussfördernd, was Appetit und Körper stärken soll. Über die Anregung des Stoffwechsels leitete man früher eine „blutreinigende“ Wirkung ab, die Rheuma und Gicht heilen sollte. Auch der Hautstoffwechsel soll davon profitieren. Für diese Eigenschaften gibt es derzeit keine Belege. Ungewiss ist auch, ob das Stiefmütterchen Stuhlgang und Harnbildung stimuliert.

Früher verwendete man statt Wasser Stiefmütterchentee für die Nahrungszubereitung von Säuglingen. Möglicherweise sollte dieses die Gefahr von Darmentzündungen und Hautausschlägen verringern, so dass der Säugling besser gedeiht. Bisher ist das aber nicht klinisch geprüft.

Medizinische Anwendungsgebiete

Anerkannte Anwendungsgebiete, die durch Studien belegt sind

Maßgebliche Bewertungskommissionen: Kommission E, ESCOP, HMPC, WHO.

  • Milchschorf bei Kindern,
  • Fettige Haut, Hauterkrankungen mit vermehrter Talgproduktion, seborrhische Hauterkrankungen.

Traditionelle Anwendungsgebiete in der ärztlichen Erfahrungsheilkunde und Volksmedizin

Es liegen zahlreiche Hinweise aus einer langen Anwendungstradition in der Volksmedizin und in der ärztlichen Erfahrungsheilkunde vor, die eine Wirksamkeit annehmen lassen. Dennoch sind bisher nicht alle Kriterien erfüllt, die für eine volle Beweiskraft notwendig sind. Falls es klinische Studien gibt, haben die Ergebnisse nicht zweifelsfrei überzeugt.

Äußerlich:

  • Akne vulgaris,
  • Hautreizungen, nasse und trockene Ausschläge, Ekzeme, Eiterflechte, Schuppenflechte,
  • Juckreiz,
  • Windeldermatitis.

Bildergalerie zu den genannten Erkrankungen

Anwendungsgebiete mit nicht gesicherter Wirksamkeit

Die Hinweise aus traditioneller Anwendung oder Laborversuchen sind zu wenig überzeugend und gehen über einen experimentellen Status nicht hinaus. Es gibt bisher keine korrekten oder positiven klinischen Studien.

Traditionell:

  • Appetitlosigkeit: gallenflussfördernd,
  • Gedeihstörungen bei Säuglingen (Tee),
  • Katarrhe und Entzündung der Luftwege, entzündliche Lungenerkrankungen, Husten, Keuchhusten, Asthma,
  • Racheninfekte, Halsentzündung (Gurgeln),
  • Rheuma, Gicht,
  • Schwäche, tonisierende,
  • Verstopfung: leicht abführend.

Praktische Anwendung: Produkte & Hausmittel

Dosierung

Tee:

1,5 g getrocknetes Kraut auf eine Tasse Wasser. Etwa 10 min ziehen lassen und durch ein Teesieb geben. Je nach Stärke der Beschwerden bis zu dreimal täglich trinken.

Zubereitung

Das Wilde Stiefmütterchen wird meist als Tee angeboten. Daneben erhält man Tinkturen, pflegende Hautcremes oder Tabletten mit dem Extrakt der Pflanze.

Äußerlich:

Umschläge: 4 g getrocknetes Kraut 10 min in 150 ml Wasser abkochen. Einen Lappen tränken, kühlen lassen und auf die Haut legen.

Sitzbäder: 2–3 Esslöffel des Krauts mit einem Liter kochendem Wasser übergießen, 15 min ziehen lassen und Abseihen. Den Tee zum Badewasser geben.

Aufbewahrung

Trocken und lichtgeschützt aufbewahren.

Wirkstoffe

Phenylcarbonsäuren: Salicylate: Methylsalicylsäure und Violutosid

Cumarine: Umbelliferon

Polyphenole: Catechine

Flavonoide: Rutin, Violanthin, Scoparin, Vicenin 2 und C-Glykoside Vitexin, Saponaretin, Orientin und Isoorientin

Blütenfarbstoffe: Anthocyanine, Carotinoide, Violaxanthin und verwandte Verbindungen

Peptide: Cyclotide

Schleimstoffe (etwa 10%): überwiegend aus Glucose (35,1%), Galactose (33,3%) und Arabinose (18,1%)

Vitamine: Vitamin C, Tocopherole

Mineralien: Magnesium und Calcium

Gerbstoffe