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Die Rolle der Naturheilverfahren in Deutschland Teil II

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Die Nachfrage auf Patientenseite nach Naturheilverfahren steigt, entsprechend bieten auch immer mehr niedergelassene Ärzte diese Methoden an.

Doch wie beurteilen komplementärmedizinisch (KM) arbeitende Ärzte den Stellenwert von Naturheilkunde im Gesundheitssystem ausgehend von ihren persönlichen Erfahrungen aus der Praxis?

Welche Meinungen bestehen zu der Tatsache, dass der überwiegende Teil der KM-Leistungen als Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) erbracht werden?

Und wie sehen sie ihre Position gegenüber Heilpraktikern, die mit circa 15.000 Praxen deutschlandweit vertreten sind? Diese Fragen sind in Deutschland bisher wenig untersucht und waren Gegenstand unseres Forschungsprojektes*.

Als Hauptpunkte wurden von den Ärzten diskutiert:

  • Stellenwert von Komplementärmedizin (KM) im deutschen Gesundheitssystem
  • KM & Qualität
  • KM & Aus, Fort- und Weiterbildung
  • KM & Forschung

Durch das Gesundheitsmodernisierungsgesetz 2004 wurden bis auf Ginkgo bei fortgeschrittener Demenz, Johanniskraut bei mittelschweren Depressionen, Flohsamen bei Verstopfung (nur spezielle Situationen), Mistel begleitend bei Krebserkrankungen und wenigen seltenen Ausnahmen fast alle Phytotherapeutika und Homöopathika als nicht verschreibungspflichtige Medikamente aus der Erstattungsfähigkeit der gesetzlichen Krankenkasse genommen. Trotz dieser Fehlentscheidung bleiben Naturheilverfahren unverändert populär. Ende 2005 hatten 46.000 Ärzte Zusatzbezeichnungen aus dem Bereich Naturheilverfahren, eine Verdreifachung gegenüber 1993.

Die wichtigsten Ergebnisse der Studie hatten wir im ersten Beitrag zum Thema am 21.08.08 in Kürze geschildert:

Naturheilverfahren sind sehr beliebt mit deutlich steigender Tendenz. Von offizieller Seite ist die Förderung sehr bescheiden. Das Feld Heilpraktiker wird von den Ärzten sehr kontrovers diskutiert, aber keineswegs nur negativ gesehen.

Die Qualität in der Naturheilkunde muss steigen, fragwürdige Verfahren müssen ausgegrenzt bzw. besser untersucht werden. Aus, Fort- und Weiterbildung in Naturheilverfahren muss dringend intensiviert und verbessert werden. Studenten an Universitäten hören viel zu viel Spezialmedizin, d.h. die häufig hoch spezialisierten Felder der Universitätslehrer sind im Vergleich zur medizinischen Wirklichkeit, die Ärzte im Beruf erwartet, geradezu absurd überrepräsentiert. Basismedizin müsste wesentlich eingehender gelehrt werden. Auch Naturheilverfahren sind für Studenten ein höchst wichtiges Thema, wenn man bedenkt, dass 70-80% ihrer späteren Patienten diese angeblichen „Außenseitermethoden“ bei ihrer medizinischen Versorgung mit berücksichtigt haben möchten.

Vermehrte Forschung wäre wichtig. Für Forschung sind im Gebiet Naturheilkunde aber viel zu wenig Mittel vorhanden, da

  • sich mit diesen Verfahren und Medikamenten viel weniger Geld verdienen lässt als mit konventionellen. Viele Phytopharmaka sind nur schwer patentierbar und damit schlecht exklusiv vermarktbar.
  • Forschung auf diesem Feld häufig schwieriger ist, z.T. kaum möglich, zumindest mit den Methoden, die die Schulmedizin anerkennt.


Die genauen Ergebnisse sind in der Studie nachzulesen und werden von mir im Folgenden näher behandelt.

Nach Meinung der diskutierenden Ärzte wäre schon über eine bessere Honorierung der sprechenden Medizin ein wichtiger Schritt für die Naturheilkunde getan. Diese Verfahren werden im Bereich der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) nahezu nicht vergütet, abgesehen von speziellen Programmen einzelner Krankenkassen zu Akupunktur, Homöopathie und einigen wenigen anderen Verfahren, die jedoch, abgesehen von Homöopathie, zu gering vergütet werden.

Von mehreren Ärzten wurde postuliert, dass sich mit einem vermehrten Einsatz von Naturheilverfahren die Gesamtausgaben im Gesundheitsbereich senken ließen. Dies wurde einerseits mit geringeren Therapiekosten (weniger, günstigere Medikamente, mehr ordnungstherapeutische Maßnahmen), weniger Nebenwirkungen und einer höheren Quote an Dauerheilungen (Wiederherstellung des Kohärenzgefühls), anderseits damit begründet, dass Patienten mehr Eigenverantwortung übernehmen, also auch mehr Gesundheitsvorsorge betreiben und Gesundheitsbewusstsein bilden, ein Gefühl eines leistungsfähigen, nicht vom Medizinsystem abhängigen Organismus (Antimedikalisierung, Antichronifizierung) entwickeln und dass folglich weniger Arztbesuche anfallen würden. Das scheint dem gängigen Medizinsystem jedoch zuwiderstreben, das vor allem belohnt, Patienten in chronisch krankem Zustand dauerhaft zu versorgen:

„Man müsste dann aber, wenn man die Medizin klären wollte…viel Müll aus dem [GKV-] Bereich nehmen: nutzlose Meniskus-Operationen, haufenweise Herz-Katheter, die ohne richtige Indikation gemacht werden, Herzechos, die quartalsweise gemacht werden…. Nur das würde keiner mitmachen. Das ist das Problem. Aber das Geld wäre dann da.“

Die Meinungen der Hausärzte gegenüber den Heilpraktikern sind geteilt. Die Hauptargumente aus den Diskussionen sind im Folgenden dargestellt.

Gefahren beim Thema Heilpraktiker werden in der nach Meinung der Ärzte ungenügenden Ausbildung gesehen, um bei bestimmten Erkrankungen Gefahren zu erkennen und die Dringlichkeit einer konventionellen Therapie abzuschätzen. Kritisch sahen die Ärzte außerdem, dass Heilpraktiker ihrer Meinung nach dem Patienten für jede Beschwerde eine oft „eindimensionale“ Erklärung bieten, was zu einer Entstehung vereinfachter und teilweise falscher medizinischer Theorien führt.

„Wen man so guckt, mit was für Bemerkungen über die konventionelle Therapie die dann so kommen: Schilddrüsenhormone schwächen ihre Schilddrüse. Also diese ganzen Theorien und absurden Vorstellungen teilweise, die halt auch in der Bevölkerung grassieren.“

Damit leisteten Heilpraktiker nach Meinung der Ärzte durch vorschnelle, eindimensionale medizinische Begründungen, die dann beim Patienten als Diagnosen „kleben bleiben“, einer Pathologisierung banaler Beschwerden Vorschub. Auf Seiten des Heilpraktikers würde so manchmal ein therapeutischer Bedarf geschaffen, der in Extremfällen insbesondere bei Patienten mit nicht therapierbaren Erkrankungen oder schlechter Prognose zu Abhängigkeiten und finanzieller Ausbeutung führt.

„Also ich finde „Pilgerfahrt“ ist ein gutes Wort. Ich habe eine Patientin, die fährt nach….zu einer Heilpraktikerin, die nichts anderes macht als irgendwelche Edelsteine auf dem Bauch zu verteilen. Da fährt sie einmal im Vierteljahr hin, zahlt für diese Sitzung 800€ und sagt, sie braucht das, ihr Körper muss eingestimmt werden in diese Sphäre.“

Oft wird nach Meinung der Ärzte bei „Heilpraktiker-Diagnosen“ dem Patienten keine (Mit)-Verantwortung für seinen Zustand gegeben, sondern ein „Feind von außen“ verantwortlich gemacht (z.B. Pilzbefall im Darm).

„…dem Patienten ein bisschen die Mitschuld –also die Mitverantwortung übernehmen lassen. Und dazu habe viele keinen Bock, Und der Heilpraktiker sagt: Das ist ein Feind von außen, den bekämpfen wir“ Das entlastet. Nicht Du musst mehr tun - du musst nur tun lassen.“

Diesen kritischen Äußerungen standen eine Reihe positiver Argumente gegenüber wie z.B., dass Patienten, die zum Heilpraktiker gehen, eine Zuwendung auf Augenhöhe („HP als Freund“) suchen, die sie dort oft finden. Die Patienten fühlen sich dadurch auch emotional besser aufgefangen und aufgehoben beim Heilpraktiker als beim (Haus)-Arzt. Dies mag eine gute Mitwirkung des Patienten zur Folge haben und kann seine Führung erleichtern.

Weil es die Angst nimmt und weil man so jemandem auch eher mal zuhört und sich von so jemandem verstanden fühlt. Weil die Gefühlsseite oft besser klappt, wenn man sich mehr auf Augenhöhe wähnt und nicht so bevormundet wird.“

Damit hängt auch das vorgebrachte Argument zusammen, dass Heilpraktiker mehr auf der Seite der Patienten stehen und damit eine Art Selbsthilfe bzw. Laienhilfe repräsentieren.

„Aber die Grundidee ist eigentlich so schlecht nicht, dass man eben so eine Art Laienhilfe ausbildet, die in leichteren Fällen schon mal so eine Selbsthilfe ermöglicht und dann dem professionellen System dafür etwas Arbeit spart.“

Letztlich ist für die Beliebtheit der Heilpraktiker in den Augen der Ärzte insbesondere die Tatsache verantwortlich, dass Heilpraktiker sich mehr Zeit nehmen und sich somit dem Patienten individueller zuwenden können. Außerdem fiel das Argument, dass therapeutische Effekte möglicherweise oft schon durch eine vorhandene „Heiler-Aura“ des Heilpraktikers entstehen.

Die Notwendigkeit zur – auch öffentlichen - Abgrenzung gegenüber Heilpraktikern wird von den teilnehmenden Ärzten mehrheitlich für notwendig gehalten, wobei die Grenzziehung gerade im Hinblick auf die IGeL-Situation im komplementärmedizinischen Bereich für schwierig gehalten wird. So werden naturheilkundlich arbeitende Ärzte von Patienten oft unter der Bezeichnung „Heilpraktiker“ subsummiert.

„Das höre ich von Patienten nicht selten, ja. Ich bin also Heilpraktiker. Das heißt, für die Leute gibt’s nur Heilpraktiker, für viele, nicht für alle, Heilpraktiker, ja, oder Ärzte. So schlecht ist das Image oder so unklar ist die Aufteilung im Medizinsystem. Das heißt, da muss noch viel geschehen, um das Profil zu schärfen.“

Wie aus dem obigen Zitat hervorgeht sahen einige Ärzte verbunden mit der mangelnden (öffentlichen) Abgrenzung von Heilpraktikern das Problem der fehlenden Solidarisierung innerhalb der Gruppe naturheilkundlich tätiger Ärzte sowie einer fehlenden, schlagkräftigen, öffentlichkeitswirksamen Gesamt-Vertretung.

Es kam auch das Argument, dass man Heilpraktiker zwar als Konkurrenz sehen muss, aber dass von ihrem Erfolg auch viel über die Defizite des gegenwärtigen Medizinsystems lernen kann. Patienten beklagen häufig die fehlende Menschlichkeit, die fehlende Zeit und das Einfühlungsvermögen bei Ärzten.

Weitere Ergebnisse aus der Studie in Teil III.


* Diese Studie entstand durch Förderung des BMFT (Bundesministerium für Forschung und Technologie) im Jahr 2006 und 2007. Im Original "The role of complementary and alternative medicine (CAM) in Germany - a focus group study of GPs.", veröffentlicht im Juni 2008 im Online-Wissenschaftsportal BMC: