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Klostermedizin: Altes Heilwissen neu erforscht

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Mittelalterliche Klostermedizin

Sie schuf die Grundlagen der modernen Medizin und war überraschend weit entwickelt - eine Forschergruppe bringt neue Erkenntnisse zur mittelalterlichen Klostermedizin.

Von: Eva Pantleon

Klöster als Zentren der Medizin

Fenchel lockere, so sagt man, die Blähung des Magens und fördere lösend alsbald den zaudernden Gang der lange verstopften Verdauung. Ferner vertreibt die Wurzel des Fenchels, vermischt mit Wein, Trank des Leneabus, und so genossen, den keuchenden Husten.“ - Walafried Strbo, im "Hortulus" um 840

Eigentlich ist Napoleon schuld. Hätte der kleine Mann mit dem spitzen Hut nicht halb Europa erobert, hätte es 1803 wohl keine so massive Säkularisation gegeben und wären nicht 95 Prozent der deutschen Klöster enteignet worden. So aber kam das Klosterleben in Deutschland weitestgehend zum Erliegen - und mit ihm eine medizinische Tradition, die sich seit dem frühen Mittelalter zu einem komplexen Heilsystem entwickelt hatte: die Klostermedizin.

Nicht nur Melissengeist

Daher ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass die meisten hierzulande beim Stichwort „Traditionelle Medizin“ an weitaus exotischere Gefilde denken als einen klösterlichen Kräutergarten: Ayurveda und TCM sind in aller Munde – und Experten für Tuina-Massage oder Pancha-Karma in Deutschland wohl allemal leichter zu finden als Fachkundige in Sachen europäischer Klostermedizin.

Und das ist nicht nur ein kulturgeschichtliches Kuriosum, sondern auch ein größeres medizinisches Versäumnis als bisher angenommen. Denn neueste wissenschaftliche Erkenntnisse belegen, dass das medizinische Wissen der mittelalterlichen Nonnen und Mönche überraschend weit entwickelt war.

Zu verdanken ist diese Erkenntnis der "Forschergruppe Klostermedizin". Das ist eine interdisziplinäre Gruppe von Wissenschaftlern - darunter Medizinhistoriker, Pharmazeuten, Botaniker und Alt-Philologen -, die sich 1999 am Würzburger Institut für Geschichte der Medizin zusammen geschlossen haben. Ihr Ziel: Die Überlieferungen der Nonnen und Mönche für die moderne Medizin nutzbar zu machen. Schließlich sei die „Klostermedizin praktisch unsere traditionelle Medizin“, so Dr. Johannes Mayer, der Sprecher der Forschergruppe in einem Interview, und die sei „mindestens genau so gut wie die asiatischen Konzepte, vielleicht sogar günstiger für die Menschen, die hier leben, weil sich solche Konzepte nicht so einfach von dem einen Kulturkreis in den anderen Kulturkreis übertragen lassen. Außerdem: Warum sollen wir das Wissen aus der Klostermedizin brachliegen lassen?“

Ein ganzheitlich orientiertes Medizinkonzept

Eigentlich ein sehr überzeugendes Anliegen, sollte man meinen. Vor allem, wenn man sich die Entwicklung der Klostermedizin vor Augen führt: Im engeren Sinne ist damit eine Epoche der Medizingeschichte gemeint, die etwa vom 8. bis zum 12./13. Jahrhundert reicht. In dieser Zeit lag die medizinische Versorgung in Europa ausschließlich in den Händen von Mönchen und Nonnen. Im Westen galt Medizin damals nicht als Wissenschaft, sondern als Handwerk und angewandte Theologie – ganz im Sinne Benedikts von Nursia, des Gründers des Benediktiner-Ordens, der bereits im 6. Jahrhundert geschrieben hatte: "Die Sorge für die Kranken muss vor und über allem stehen, damit man ihnen wirklich wie Christus diene."

Abgesehen davon gab es bis zum 13. Jahrhundert außerhalb der Klöster auch gar keine Ausbildungsmöglichkeit für Ärzte. Die Ordensleute aber – oft auch die einzigen, die des Lesens und Schreibens mächtig waren - studierten das Wissen der antiken Heilkunde, insbesondere die Humoralpathologie des Arztes Galen aus Pergamon, griffen aber auch auf arabische Einflüsse sowie auf die Volksmedizin zurück. Vor allem aber vertieften sie ihre Kenntnisse durch eigene Forschungen und Beobachtungen. So wurde die „Lehre von den vier Säften“ im Mittelalter weiterentwickelt und es entstand ein Medizinkonzept, das die Lehre von den Heilkräutern, Arzneipflanzen und der Ernährungskunde mit einer ganzheitlichen Sicht des Menschen verband – eine medizinische Tradition, die für die moderne Medizin eine wichtige Ergänzung darstellen könnte.

Das Geheimnis der Johannisbeere

Dennoch war es für die Forschergruppe Klostermedizin anfangs sehr mühsam, öffentliche Gelder für ihre Arbeit aufzutreiben. „Schon Anfang der 90er-Jahre wollten wir die gesamte Kräuterkunde des Mittelalters aufrollen“, erzählt Mayer. Doch die Deutsche Forschungsgemeinschaft lehnte den Antrag auf Förderung ab: zu teuer. Inzwischen sponsert die Firma Abtei, eine Tochter des Pharmakonzerns GlaxoSmithKline, die Erforschung der Klostermedizin. Und das aus gutem Grund. Schließlich lassen die wichtigen Entdeckungen nicht auf sich warten - wie etwa im Falle des Johannisbeer-Kernöl.

Hinweise darauf fanden sich in den Schriften des Bernhard von Breidenbach aus dem 15. Jahrhundert. Der Mainzer Geistliche empfahl die Johannisbeere als Therapeutikum bei Hauterkrankungen. Pharmakologische Untersuchungen ergaben, dass die Kerne des Multivitaminwunders einen hohen Anteil an Gammalinolensäure besitzen, von der Neurodermitiker oft zu wenig haben. Mittlerweile sind die Säfte aus den Kernen der Johannisbeere zum anerkannten entzündungshemmenden Arzneimittel geworden. Und das ist noch lange nicht alles, was das von der Schulmedizin lange als "Dreckapotheke" geschmähte mittelalterliche Heilwissen an Überraschungen parat hat. "Wir wissen sehr viel weniger über die mittelalterliche Medizin, als man bisher dachte", sagt Mayer.

Schafdung, Käseschimmel und Honig – gut verrührt…

Leider aber ist es alles anders als einfach, den alten Handschriften ihre Geheimnisse zu entlocken. Zwar sind die wichtigsten der mittelalterlichen „Arzneibücher“ bis heute erhalten – wie etwa das im 8. Jahrhundert im Kloster Lorsch bei Worms entstandene »Lorscher Arzneibuch« oder der Bestseller des Hochmittelalters: das im 11. Jahrhundert verfasste »Macer floridus« des Benediktinermönches Odo Magdunensis. Doch das hilft wenig, wenn ihr Inhalt unverständlich bleibt. Problematisch ist nämlich nicht nur, dass viele Mönche, um Platz zu sparen, Abkürzungen und eine winzige kleine Handschriften benutzten – schließlich waren die Tierhäute, aus denen die Arzneibücher bestanden, äußerst kostspielig. Das weitaus größere Problem aber ist die eindeutige Identifizierung der Pflanzen.

Denn nicht eben zur Freude der modernen Forscher waren die Mönche und Nonnen äußerst kreativ im Umgang mit Pflanzennamen: „Jede Pflanze hat mindestens zehn verschiedene Namen. Es können auch 30 bis 50 sein“, stöhnt Koordinator Mayer. Und zuweilen gibt es auch Doppelbelegungen eines Namens, die wahrscheinlich auf einem Übertragungs-Fehler beruhen: So taucht zum Beispiel sowohl die Ringelblume als auch der grundverschiedene Kapernstrauch unter dem lateinischen Namen "Caput monachi" auf. Um zu entschlüsseln, wer hier wer ist, bedarf es langwieriger philologischer Detektivarbeit von Medizinhistorikern.

Dank ihrer präzisen Arbeit konnte die Forschergruppe Klostermedizin inzwischen auch Kritiker zum Schweigen bringen. Einige Schulmediziner hatten genörgelt, dass doch schon alles erforscht sei über die mittelalterliche Heilkunde. „Wir bewiesen, dass sogar in den modernsten Publikationen mit falschen Pflanzennamen gearbeitet wird“, freut sich Mayer. „Da wurde dann Arnika mit Froschlöffelkraut verwechselt. Und dadurch passt die ganze Mixtur nicht mehr zu den entsprechenden Anwendungen.“

Antibiotikum anno 795

Neben den Philologen erleben aber auch die Pharmakologen des Forscherteams immer wieder Überraschungen - wie im Falle einer Rezeptur aus dem "Lorscher Arzneibuch“. „Schafdung, Käseschimmel und Honig“, heißt es da, „gut verrührt und für 20 Tage auf der Wunde belassen“. Und mag das für moderne Ohren auch eher nach einem Rezept für ein Brechmittel klingen, war es vor 1200 Jahren offenbar eine Art medizinische Geheimwaffe – auch wenn es den Wissenschaftlern anfangs schon recht suspekt schien. „Wir dachten zuerst, die spinnen“, erzählt Mayer. Dann jedoch entdeckten die Forscher, dass der Käse, eine Art Roquefort, durch den Schafsdung angeregt wird, antibakterielle Stoffe zu erzeugen. Das war wohl auch der Grund, weshalb die Salbe volle 20 Tage auf der Wunde bleiben sollte – ähnlich einem modernen Antibiotikum entfaltete sich die volle Wirkkraft erst über einen längeren Zeitraum.

Bis jetzt haben die Forscher 102 ausführliche Pflanzenporträts veröffentlicht sowie Verweise auf rund 500 Heilpflanzen aus der mittelalterlichen Literatur zusammengetragen und in einer Datenbank gespeichert. Mit Hilfe dieser Datenbank wird es möglich, auch bislang unklare Namen und Bezeichnungen zu identifizieren. Mit 600 zumeist auf Mikrofilm archivierten Handschriften verfügen die Würzburger zudem über eine der größten Sammlungen von Arzneibüchern des Mittelalters.

Dennoch warten noch etliche Schätze darauf gehoben zu werden: Immer wieder tauchen Werke auf, die Jahrhunderte lang unzugänglich in privaten Bibliotheken verstaubten. 1995 etwa verblüffte ein Handschriftenhändler die Wissenschaftler mit einem zuvor unbekannten Prachtband, dem "Codex Brixiensis", in dem Hunderte von Heilpflanzen beschrieben sind.

Hildegard – ein Sonderfall

Und was ist nun mit der berühmten Klosterfrau von Bingen, die für die meisten sicherlich das Synonym für „Klostermedizin“ ist? „Ein Sonderfall“, so Mayer, „sie ist nicht typisch für die Klostermedizin. Sie benutzt zwar einige Elemente aus der Klostermedizin und aus der ganzen medizinischen Tradition, aber sie nimmt auch volksmedizinische Aspekte auf, und vor allem hat sie ganz eigene Anschauungen von Heilpflanzen und Heilmethoden. Zum Teil ist das sehr spektakulär, was sie gemacht hat. Sie hat einige Arzneipflanzen eigentlich erst so richtig entdeckt – darunter die Ringelblume, die Arnika montana und das Maiglöckchen. Aber sie hat auch giftige Pflanzen verwendet. Das Maiglöckchen zum Beispiel, aber auch die Wolfsmilchgewächse sind giftig. Es gibt viele Arzneipflanzen, die man heute nicht mehr so verwenden würde, weil sie giftig oder schädlich für die Leber sind oder krebserregende Stoffe enthalten. Das wusste man damals einfach nicht“.

Unzweifelhaft aber ist, dass die Ordensfrau mit ihren beiden Werken „Physica“ und „Causae et Curae“ bedeutende Schriften der mittelalterlichen Medizingeschichte geschaffen hat – deren Bedeutung durch die moderne pflanzenheilkundliche Praxis bestätigt wird: Schafgarbe und Beinwellkraut z.B., deren „besondere und subtile Kräfte bei Verletzungen“ Hildegard rühmt, werden noch immer als Wundheilungsmittel geschätzt. Auch ihr Erkältungstee aus vitaminreichen Hagebutten gehört zum Repertoire der modernen Phytotherapie. Dass Wolfsmilchskraut „den Menschen brennt“ war der Klosterärztin ebenfalls bekannt – der Pflanzensaft enthält Wirkstoffe, die Hautreizungen verursachen.

Dennoch kann vor einer kritiklosen und unsachverständigen Anwendung so genannter „Hildegard-Kräuter“ nur gewarnt werden, da sich manche genannten Kräuter nicht eindeutig identifizieren lassen. So spricht die Äbtissin etwa von einem Kraut namens „Sunnewebel“, das sie gegen Brustschmerzen und Verdauungsstörungen empfiehlt. Das Problem dabei: diese Bezeichnung wurde im Mittelalter für drei verschiedene Pflanzen verwendet: die Wegwarte, das Sonnenröschen und den Löwenzahn!

Ganz klar also ein Fall für die philologische Detektivarbeit der Würzburger Forschergruppe – schließlich möchten die Wissenschaftler mit ihrer Arbeit vor allem eines klarstellen, so Mayer: dass „Heilpflanzen ernst zu nehmende Arzneistoffe sind, die wir heute noch nutzbringend einsetzen können.“

Quellen/Weitere Informationen

Literatur und Links