Ihr Portal für Gesundheit,
Naturheilkunde und Heilpflanzen

natürlich gesund

Oxidativer Stress – Teil VI: Kritik

© Jezper - Fotolia.com

Kritikpunkte am Konzept "Oxidativer Stress"

Oxidativer Stress ist in seiner Bedeutung umstritten. Was sind die Kritikpunkte an diesem Konzept?

Von: Berthold Musselmann

In den Teilen I-V definieren wir den Begriff „Oxidativer Stress" und nennen die vielen Möglichkeiten und Situationen, bei denen überschießend reaktive Sauerstoffverbindungen (ROS = reactive oxygen species, (Sauerstoff-) Radikale) im Körper gebildet werden, die vorübergehende oder bleibende Schäden und ein beschleunigtes Altern im Körper auslösen können, aber auch für die Immunabwehr, für die Regulation der Durchblutung (Gefäßerweiterung) und für die Muskelversorgung benötigt werden.

Ziel ist je nach Körperzustand, Situation, Alter, Reaktionstypus und Belastungen die richtige Balance zwischen anti- und prooxidativen Substanzen zu finden. Wir diskutieren, wo die richtige Balance individuell liegen könnte, wie Körper und Ernährung, Arzt und Erkenntnisse aus der Kulturgeschichte zum Erreichen eines solchen Gleichgewichts beitragen können und wie man sich dem Problem annähern könnte. Wir schildern die Problematik von zweifelhaften und unvaliden, wissenschaftlich bisher nicht ausreichend überprüfte „Tests“ und ebensolchen „Therapien“ auf einem großen Medizingeräte- und Therapiemarkt und nähern uns dem Gebiet der „rationalen“ Diagnostik, um herausfinden zu können, wer in welchem Maße von Radikalen belastet wird. Wir zeigen die Grundsätze einer solchen Diagnostik auf und erklären Sinn und möglichen Einsatz verschiedener Parameter. Optimierung der individuellen Lebensweise wird als wesentlich sinnvoller und belegter als eine „Therapie“ von Radikalenstress dargestellt. Viele grobe Fehler in der Lebensführung bedingen einen dauerhaft erhöhten und damit schädlichen oxidativen Stress. Bei ausgewählten Patienten, insbesondere mit speziellen Risiken, könnte eine Diagnostik und Therapie sinnvoll sein.

Kritikpunkte

In einem Interview zum Thema „Antioxidantien: Zellen rosten nicht“ im Ärzteforum „Doc-Check“ (erschienen am 10.01.2012, das E. Lederer mit PD Tobias Dick führte, der seit März 2003 die Boveri-Nachwuchsgruppe Redoxregulation am DKFZ (Deutsches Krebsforschungszentrum) in Heidelberg leitet) nehmen die Interviewpartner das Konzept auf’s Korn:
„Während die moderne Arbeitsseele, von Reizen überflutet, im Burn-out zusammenbricht, stirbt die Körperzelle, von fiesen Sauerstoffradikalen belagert, den oxidativen Stresstod. Nur: Ist das wirklich so? Tobias Dick hat da so seine Zweifel.“

Laut PD Dick ist der Begriff mit „übermäßiger Produktion und Akkumulation reaktiver Sauerstoffverbindungen“ nicht ausreichend definiert, nicht alle reaktiven Sauerstoffverbindungen seien „freie Radikale“, nicht alle dieser Verbindungen schadeten automatisch, es komme auf die genaue chemische Verbindung, u. a. den Aufenthaltsort, an. 

„Bestimmte reaktive Sauerstoffverbindungen sind für einen Organismus ausgesprochen wichtig. Sie sind Teil der ganz normalen Physiologie (natürliche Körperfunktion, Anm. BM), insbesondere der Signalketten, die das gesunde Verhalten der Zellen im Körper steuern. Das sollte man schon zur Kenntnis nehmen. Nur weil etwas in extremer Dosierung schädlich ist, ist es noch nicht per se gefährlich und unerwünscht. Auch dürfen wir aus den Experimenten mit UV-Licht nicht schließen, dass eine Erhöhung der Konzentration an Oxidantien generell von Nachteil ist.“

"Der Nachweis von Oxidantien ist bisher nicht sicher genug. Die hoch reaktiven Radikale verändern sich in ultrakurzen Zeiträumen und verschwinden mit der Zerstörung von Gewebe. Beobachtete Gewebeschäden können mit vielen anderen Prozessen zu tun haben, chemische Reagenzien, die zum Nachweis von Oxidantien in Zellkulturen genutzt werden, sind äußerst unspezifisch und können zu falschen Schlüssen verleiten. Nur weil Oxidantien und Radikale mit Zelluntergang zusammen auftreten, sind sie noch nicht deren Ursache."
PD Dick weist hier auf einen häufigen Fehler in der Wissenschaft hin, die Gefahr sog. „Confounder“, d.h., dass gemeinsames Auftreten mit kausaler Beziehung verwechselt wird.

PD Dick hat nun als Erster eine Methode entwickelt, die es ermöglicht, oxidative Prozesse im lebenden Organismus von Fruchtfliegen live zu beobachten. Für bestimmte Oxidantien spezifische Proteinbiosensoren in den Zellen der transgenen Fliegen (Erbgut mit der Information zum Bau der Fluoreszenz-Proteine künstlich in den Zellkern integriert) fluoreszieren messbar, wenn sie mit dem entsprechenden Oxidans in Kontakt kommen.
Es lässt sich so relativ präzise messen, wie und wo sich der Oxidationsstatus in unterschiedlichen Geweben im Laufe der Zeit ändert. Dies funktioniert bisher mit Wasserstoffperoxid und mit oxidiertem Glutathion, bisher noch nicht mit Superoxid. Entgegen der häufig anzutreffenden These, dass Organismen im Laufe ihres Lebens Oxidationsprodukte anhäufen und daran letztlich zugrunde gehen, sich „zu Tode oxidieren“, fand PD Dick keine generelle Zunahme von Oxidantien mit zunehmendem Lebensalter.
Es gab eine Ausnahme: Das Darmgewebe zeigte eine ausgeprägte altersabhängige Akkumulation von Wasserstoffperoxid. Jedoch häufte sich Wasserstoffperoxid im Darm der langlebigen Fruchtfliegen deutlich schneller und stärker an, als bei den kurzlebigen Fruchtfliegen zu vergleichbaren Zeitpunkten. Es könnte in diesem Fall sein, dass es aus immunologischen Gründen, im Sinne eine Abwehrreaktion gegen bestimmte unerwünschte Darmbakterien, Vorteile bietet, dass sich mit zunehmendem Alter ein Darmbakterien stärker hemmendes Milieu im Darm einstellt.
Wie schon frühere Befunde spricht auch dieser gegen die These, dass, wer mehr Oxidantien anreichert, automatisch früher stirbt. Die klassische Theorie, dass oxidative Schäden zum Altern führen, könnte aber auch einfach falsch sein. Nahrungsergänzungsmitteln und daran gut verdienende Pharmaunternehmen kommen durch erste Ergebnisse der neuen Methode ebenfalls in Bedrängnis: N-Acetyl-Cystein (NAC), in erster Linie ein „Schleimlöser“, wird bisher als ein antioxidativer Wirkstoff angesehen, der auch in Zellkulturuntersuchungen als experimentelles Antioxidans eingesetzt wird und in der Leber z. B. bei Schäden durch Paracetamol die Zellen vor dem Zelltod bewahrt.
Tiere, die über unterschiedliche Zeiträume und in unterschiedlichen Dosierungen mit NAC gefüttert werden, zeigen in keiner Dosierung und in keinem Gewebe eine Verringerung der Oxidantien. Tatsächlich werden in den Mitochondrien der meisten Gewebe als direkte Reaktion auf die NAC-Gabe mehr Oxidantien produziert.
„Was das jetzt bedeutet, wissen wir auch nicht. Aber eines ist deutlich geworden: Wir können ganz offensichtlich nicht ohne Weiteres davon ausgehen, dass eine Verbindung, die prinzipiell ein antioxidatives Potential hat, im lebenden Organismus tatsächlich so wirkt.“
Die paradoxe Wirkung von NAC kann aber auch daran liegen, dass es nur bei oxidativem Stress antioxidativ wirkt, eben z. B. bei einer Vergiftung mit Paracetamol, wo es unbestritten in hohen Dosen (je nach Dosis eingenommenen Paracetamols) die lebensbedrohlich gefährdete Leber und damit das Leben der Patienten retten kann.
PD Dick wird zum Glück auch weiterhin zelluläre Redoxprozesse untersuchen, die u. a. auch für Krebserkrankungen und deren Behandlung von Bedeutung sind. Im Organismus von Mäusen könnten neue Überraschungen auch auf diesem Feld auf uns warten. Vielleicht brauchen wir gerade bei Krebs, der ja häufig auf dem Boden chronischer Entzündungen entsteht, zumindest vorübergehend bis zur Überwindung der Erkrankung viele Radikale und müssen wie bei Infektionen, die vom Körper teilweise durch den Einsatz hochtoxischer Oxidantien (gespeichert in und freigesetzt aus Abwehrzellen) des Organismus gegen bakterielle und weitere Eindringlinge beendet werden, den Teufel mit dem Beelzebub austreiben.

In Teil VII erfahren Sie, wie die Balance zwischen prooxidativen und antioxidativen Substanzen im Körper aufrecht erhalten werden kann.

Ihr

Berthold Musselmann

Quellen/Weitere Informationen

Literatur und Links