Kamille - auf die Inhaltsstoffe kommt es an

Echte Kamille, Matricaria recutita Rauschert
Echte Kamille, Matricaria recutita Rauschert

Mittwoch, 01.02.2012, 18:02 Prof. Dr. Schilcher

Seit dem 5. Jh. v. Chr. bis zum heutigen Tag erfahren Zubereitungen aus Kamillenblüten eine unverminderte Wertschätzung, nicht nur in der Hausmedizin, sondern auch nahezu im gesamten Bereich der Medizin, z. B. in der Chirurgie, Dermatologie, Gastroenterologie, Frauenheilkunde, HNO- Heilkunde, Kinderkeilkunde, Strahlenheilkunde, Zahn- und Kieferheilkunde u.s.w.

Die schulmedizinische Anerkennung basiert im Wesentlichen darauf, dass Kamillenblütenzubereitungen die ersten standardisierten Arzneipflanzenzubereitungen gewesen sind, d. h. man hat schon sehr früh auf konstante Mindestgehalte an wirksamkeitsmitbestimmenden Inhaltsstoffen geachtet. Dies wiederum machte reproduzierbare, d.h.  wiederholbare pharmakologische und klinische Studien möglich, in denen eindeutige entzündungshemmende Effekte, antibakterielle und antimykotische (gegen Hautpilze) sowie krampflösende Wirkungen nachgewiesen werden konnten. Bei der arzneilichen Anwendung muss man wissen, dass Kamillenblüten sowohl wasserlösliche als auch alkohollösliche Wirkstoffe besitzen, und dass beispielsweise bei starken Magenkrämpfen der Kamillentee nur eine unbefriedigende Wirksamkeit besitzt, weil bestimmte arzneilich wichtige Inhaltsstoffe im Tee nicht enthalten sind, sondern nur in alkoholischen Zubereitungen. Deshalb muss in solchen schwerwiegenderen Fällen die Teezubereitung verstärkt werden. Dazu eignen sich standardisierte Kamillen- Fertigarzneimittel. Nahezu wirkungslos sind Kamillen-Filterbeutel, wenn diese als Lebensmittel im Verkehr sind. Die Lebensmittel-Aufgussbeutel enthalten in vielen Fällen lediglich 5-10% Kamillenblüten – der Rest ist Kamillenkraut!! Anders verhält es sich mit Arznei-Kamillen-Teebeuteln. 

Von einer Wildsammlung von Kamillenblüten ist abzuraten, da rund 80% der nach Kamille aussehenden Pflanzen keine „echten“ Kamillen sind, sondern Geruchlose Kamille oder Strandkamille Hinzu kommt, dass häufig die „echte“ Kamille mit der Acker- Hundskamille (Anthemis arvensis) oder der Stinkenden Hundskamille (Anthemis cotula) vergesellschaftet ist. Beide Arten  können starke Kontakt-Allergien auslösen. Unterscheidungsmerkmal: die Echte Kamille besitzt einen hohlen Blütenboden.

Zur innerlichen Anwendung, z. B. bei Magenverstimmen mit Krämpfen, Übelkeit und Erbrechen oder zur äußerlichen Applikation, z. B. bei Haut- und Schleimhautentzündungen oder zur ersten Wundversorgung  ist stets die auf Wirkstoffe geprüfte Arzneibuch-Kamille anzuwenden.

Weitere Informationen / Links

Literatur:

Schilcher, H., Kammerer, S., Wegener, T.: Leitfaden Phytotherapie, 4. Auflage, Urban & Fischer Verlag, München-Jena, 2010

Kategorien: Heilpflanzen, Krankheiten Schlagwort: Allergien
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2 Kommentare
  • Dienstag, 07.02.2012, 22:00 Uhr
    Gabriele schrieb:
    Vielen Dank für diesen überaus interessanten Beitrag!
    Ich wusste gar nicht, dass man bei Phytotherapie so Vieles beachten muss. Auch dachte ich immer, dass Teebeutel aus dem Supermarkt und der Apotheke dieselbe Wirkung haben...

    Gerade ist mir eine Werbung ins Haus geflattert, wo "hochkonzentrierter Ingwer" als Wundermittel bei Arthrose-, Rheuma- und Rückenschmerzen sowie steifen Gelenken und Gelenkschwellungen angepriesen wird.
    Eine Wirkstoffmenge der Kapseln ist nicht angegeben, jedoch ist auf der abgebildeten Packung "Nahrungsergänzungsmittel" zu lesen. D. h. so hochkonzentriert kann es dann ja eigentlich nicht sein, weil es meines Wissens sonst eine Zulassung als Arzneimittel bräuchte. Richtig?
    Kann man analog zu Ihren Ausführungen bei der Kamille davon ausgehen, dass bei einem Vertrieb als Nahrungsergänzungsmittel = Lebensmittel keine medizinisch relevante Wirkstoffmenge enthalten sein kann?
    Und: Gibt es evtl. neuere Erkenntnisse, dass Ingwer tatsächlich bei den o.g. Problemen helfen kann? Der bisherigen Beschreibung von Ingwer auf Phytodoc kann ich diese Indikationen eigentlich nicht entnehmen.
  • Freitag, 10.02.2012, 18:43 Uhr
    Musselmann, Berthold schrieb:
    Danke für Ihren Beitrag, Gabriele,

    ich antworte für Prof. Schilcher, da er uns freundlicherweise die Beiträge zur Verfügung stellte, aber keine Zeit für eine eigene Beantwortung hat.
    "Hochkonzentrierter Ingwer" als "Wundermittel bei Arthrose-, Rheuma- und Rückenschmerzen sowie steifen Gelenken und Gelenkschwellungen" ist sicherlich mit Vorsicht zu genießen, zumal Sie aufmerksam waren und lasen, dass
    eine Wirkstoffmenge pro Kapsel ist nicht angegeben ist und auf der abgebildeten Packung "Nahrungsergänzungsmittel" steht.
    Daher, wie Sie richtig schreiben, ist weniger Wirkstoff pro Kapsel drin, insbesondere fehlt eine Standardisierung auf eine verlässliche Menge wirksamer Stoffe, wenn keine Menge Extrakt pro Kapsel und kein DEV (Droge-Extrakt-Verhältnis) bzw. keine Reg.-Nr. oder EU-Zulassungs-Nr. angegeben sind.
    Das Dilemma der Nahrungsergänzungsmittel ist ja gerade, dass weniger Wirkstoff enthalten sein MUSS, damit es sich nicht um ein Medikament handelt.
    Am besten sind qualitativ hochwertige (und teurere) Phytopharmaka aus der Apotheke.
    Zum Ingwer:
    Gesicherte Einsatzgebiete sind:
    Verdauungsbeschwerden (Dyspeptische Beschwerden) und Vorbeugung vor Reisekrankheit.
    Andere Anwendungsgebiete sind möglich, aber nicht gesichert. Es ist davon auszugehen, dass Ingwer auch bei den von Ihnen genannten Arthrose-, Rheuma- und Rückenschmerzen sowie steifen Gelenken und Gelenkschwellungen eine Wirkung hat, jedoch gibt es für diese Indikation besser wirksame und wissenschaftlich abgesicherte Heilpflanzen (s. Punkt Erkrankungen bei www.phytodoc.de)

    Ihnen weiter Viel Erfolg mit der kritischen und umsichtigen Anwendung rationaler Phytopharmaka und: Glauben Sie "Wundermitteln" weiterhin nicht unbesehen ;-)

    Ihr

    Dr.med.Berthold Musselmann,
    Praxis Hauptstr.120, 69168 Wiesloch
    Arzt für Allgemeinmedizin-Umweltmedizin-Naturheilverfahren-
    -Chirotherapie-
    Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren Universität Heidelberg
    Abteilung für Allgemeinmedizin und Versorgungsforschung

    Family Practice
    Department of Family Medicine and Health Services Research
    Tel. 0049 (0)6222 81236 Fax 8095 www.dr-musselmann.de
    www.phytodoc.de
    www.allgemeinmedizin.uni-hd.de