Risikofreie Anwendung von Wild- bzw. Heilkräutern: Was Sie wissen sollten

Beifuß (Artemisia vulgaris) hat eine Negativ- Monographie erhalten. © C. Heyer
Beifuß (Artemisia vulgaris) hat eine Negativ- Monographie erhalten. © C. Heyer

Donnerstag, 08.11.2012, 08:55 Prof. Dr. Schilcher

Mit diesem Beitrag endet die Blogfolge zum Thema Heilkräuter.

Zum Ende sei abschließend auf vier Punkte hingewiesen, die bei der Verwendung von selbst gesammelten Wild- und Heilkräutern beachtet werden müssen.

1. Wirkung der Heilkräuter

Die nicht zu unterschätzenden aktuellen Berichte in medizinischen und pharmazeutischen Fachzeitschriften zeigen, dass in der Bevölkerung relativ häufig die Wirksamkeit traditionell angewendeter Heilkräuter überschätzt wird, was nicht zuletzt auf übertriebene Darstellungen in  „Laienhandbüchern“ zurückzuführen ist. Zum anderen werden die in Fachkreisen durchaus bekannten  unerwünschten Nebenwirkungen in Laienkreisen häufig nicht zur Kenntnis genommen oder sind unbekannt.

Ein schönes Beispiel dafür ist die ständige Empfehlung des Beifußkrautes als Heilkraut, obwohl die Sachverständigenkommission E auf Grund des relativ hohen Potentials einer Kreuz- Allergie sowie der Möglichkeit eines anaphylaktischen Schocks oder von Fehlgeburten eine Negativ- Monographie im Bundesanzeiger veröffentlicht hat. Dort wird eindeutig klargestellt, dass das Risiko größer ist als der Nutzen und sich daher eine arzneiliche Anwendung verbietet.

Nichts einzuwenden hatte die Kommission gegen die Verwendung geringer Mengen des Krautes (vor der Blüte gesammelt) zum Würzen von Gänse- oder Entenbraten.

2. Einordnung der Heilpflanzen durch Kommision E

Dass von den rund 400 in Europa traditionell und ärztlich genutzten Arzneipflanzen die Kommission E 378 Pflanzen und Pflanzeninhaltsstoffe auf Wirksamkeit und Unbedenklichkeit geprüft und davon Positiv- oder Negativ- Monographien erstellt hat, ist in der Bevölkerung viel zu wenig bekannt. 130 Heilkräuter, darunter leider zahlreiche nur in der Volksmedizin verwendete Pflanzen, erhielten eine Negativ- Monographie.

Bei 65 Kräutern lautete das Urteil der Kommission: „Das Risiko einer Anwendung ist größer als der Nutzen“. Bei arzneilichen Anwendungsempfehlungen gegenüber Dritten z. B. in Führungen, Seminaren, Kursen etc. sollten zumindest die Kursleiter diese 65 Negativ- Monographien kennen, auch wenn sie selbst noch keine negativen Erfahrungen mit den Kräutern gemacht haben. Auf dieser Negativ- Liste steht  auch das mit Rucola leicht zu verwechselnde Kreuzkraut (Greiskraut).

3. Unterschiedliche Zubereitungen

Der dritte Punkt betrifft die unterschiedlichen Zubereitungen. Beispielsweise kann ein Wermut- Tee längere Zeit ohne jegliche Nebenwirkung getrunken werden, während alkoholische Wermutkraut- Zubereitungen (z. B. Wermut- Tinktur) wegen des Gehaltes an Thujon  nur kurzfristig eingenommen werden dürfen. Thujon ist ein Nervengift, welches das „Wermutzittern“ (Delirium tremens) verursachen kann.

4. Dosis

Der vierte Punkt betrifft den Satz von Paracelsus: „Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist.“ Potenzierungen (Verdünnungen) ab D4 von Auszügen aus dem äußerst giftigen Blauen Eisenhut (Aconitum napellus) sind hervorragend verträgliche homöopathische Arzneimittel zur Therapie hochakuter entzündlicher und fiebriger Infekte, obwohl 1 mg des Wirkstoffes Aconitin bereits tödlich sein kann.

Ihr Prof. Dr. Schilcher

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Ein Kommentar
  • Dienstag, 11.12.2012, 00:57 Uhr
    Martin Koradi aus Winterthur schrieb:
    Herzlichen Dank an Prof. Dr. Heinz Schilcher für sein langjähriges Engagement zugunsten einer fundierten Phytotherapie.
    Dieser Beitrag zeigt beispielhaft, worauf es beim Schreiben über Heilpflanzen ankommt: Man darf nicht nur einseitig von wunderbaren Heilwirkungen schwärmen, wie es heute leider allzu oft gemacht wird. Man muss auch Grenzen, Tücken und Risiken der Heilpflanzen thematisieren, wo solche vorhanden sind.
    Die differenzierte Darlegung der Möglichkeiten und Grenzen, wie sie Prof. Schilcher bietet, mindert nicht den Wert der Heilkräuter und tut der Freude an ihren keinen Abbruch.