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Grippeimpfung: Für wen ist sie sinnvoll?

Mann erhält Grippeimpfung in den Oberarm.
© JPC-PROD - Fotolia.com

Grippeimpfung: Ja oder Nein?

Wie gut der Grippeschutz tatsächlich ist, welche Nachteile es gibt und welche Personengruppen geimpft werden sollten. Außerdem: Im Video das Fazit unseres PhytoDoc-Experten Dr. Musselmann zur Grippeimpfung.

Von: Dr. Corinna Cappellaro

Alle Jahre wieder…

…steigen die Grippefälle im Winter. Dieses Jahr ist keine Ausnahme. Seit November häufen sich die Influenzafälle in Deutschland. Da stellt sich die Frage: Sind Sie geimpft? Nein? Noch ist Zeit dazu. 

Wer soll sich impfen lassen?

Impfen lassen sollten sich natürlich alle Schwangeren, Kranken (mit Diabetes, Asthma oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen) und Menschen mit schwachem oder unterdrücktem Immunsystem. Im Blickpunkt sind alle Menschen, die besonders belastet sind, wie die älteren Mitbürger ab dem 60.ten Lebensjahr. Senioren sind nicht nur sehr anfällig für Infektionen, sie leiden auch mehr unter den Symptomen. Häufig sind zudem noch chronische Begleiterkrankungen zu bewältigen.

Besonders wichtig ist eine Impfung, wenn viele ältere Menschen auf engem Raum zusammenleben (wie in Seniorenpflegeheimen). Von der WHO wird eine Durchimpfungsrate von 75 % bei den Senioren angestrebt. Sie liegt zurzeit nur bei 37 % und leider stagniert der Wert in den letzten Jahren.

Warum aber durchaus auch Studenten von einer Grippeimpfung profitieren, das erläutert Dr. med. Musselmann in unserem Video.

PhytoDoc-Experte Dr. med Musselman zur Grippeimpfung

Wie schnell wirkt die Grippeimpfung?

Man rechnet etwa 10-14 Tage bis das Immunsystem ausreichend auf den Virus vorbereitet ist. Wer sich nach dieser Zeit mit Influenza infiziert, ist geschützt. Nur wer schon infiziert ist oder sich während dieser zwei Wochen einen Influenza-Virus einfängt, profitiert nicht.

Reicht eine Impfung pro Grippesaison?

Ja, generell geht man davon aus, dass die Immunität 6-12 Monate anhält. Eine Impfung im Oktober sollte also mindestens bis März schützen. Problematisch sind Menschen mit schwacher Immunantwort. Die Pharmaindustrie hat für diese Fälle Impfstoffe mit verstärkenden Hilfsstoffen („adju­van­tierte Influenzaimpfstoffe“) entwickelt. Personen über 60 sollten außerdem nicht vor Oktober geimpft werden. Wenn man außerdem jedes Jahr wieder zur Impfung antritt, verbessert man den Gesamtschutz.

Auffrischen der Grippeimpfung ist nur in einem Fall empfohlen: Für Kinder (bis zum Alter von 9 Jahren), die noch nie geimpft waren. Dann wird innerhalb von nach 4 Wochen ein zweites Mal geimpft.

Die Fakten: das bringt die Grippeimpfung tatsächlich

Wenn man die Impfdaten im Großen und Ganzen bewertet, stimmen die Zahlen sehr positiv. Die Anti-Grippewirkung der Impfung kann man tatsächlich mit harten Fakten belegen. Gründe genug, die Unannehmlichkeiten einer Impfung auf sich zu nehmen.

  • Eine Impfung verleiht gesunden Erwachsenen einen bis zu 80-prozentigen Schutz gegen die Grippekrankheit (bei einer sehr guten Übereinstimmung der zirkulierenden Grippeviren mit dem Impfstoff)
  • Bei älteren Menschen ist die Immunantwort schwächer, aber auch hier kann man mit einem 41-63-prozentigen Schutz rechnen.
  • Daneben werden bei Senioren 25-30 % der Komplikationen mit Einweisungen ins Krankenhaus vermieden.
  • Auch das Risiko an der Grippe zu versterben wird drastisch verringert (39-75 %).

Die Daten der letzten Jahre ergeben für die Behörden ein immer genaueres Bild, wie man mit dem geringsten Aufwand den besten Nutzen für die Bevölkerung erreichen kann oder besser erreichen könnte.

Geimpft und trotzdem grippekrank?

Eine Grippeimpfung bietet leider keinen hundertprozentigen Schutz, wie schon oben geschrieben. Wenn der Körper nicht vollständig passende oder zu wenige Antikörper entwickelt hat, versagt der Schutz. Aber die gute Botschaft ist,

  • dass in diesen Fällen die Erkrankung meist wesentlich leichter verläuft. Der Körper hat bei der Bekämpfung auch dann einen Vorteil.

Zu einer Grippeerkrankung kann es auch dann kommen, wenn Sie sich haben impfen lassen, aber schon vorher von Grippeviren infiziert wurden oder in der Zeit infiziert werden, wo der Grippeschutz noch nicht vollständig ausgebildet wurde.

Manchmal können auch "normale" Erkältungsviren so heftig zuschlagen, dass man meint, man hätte eine Grippe. Der Volksmund spricht dann von "grippalem Infekt". Dahinter stecken aber nicht Grippeviren, sondern Erkältungsviren, die anders aufgebaut sind und gegen die man nicht impfen kann.

Welche Nebenwirkungen können auftreten?

Der Grippe­impfstoff ist meist gut verträglich. Im Zuge der (gewollten) Auseinandersetzung des Körpers mit dem Totimpfstoff kann es zu lokalen Reaktionen an der Impfstelle kommen. Beschwerden sind dann Rötung, Schwellung an der Impfstelle und leichte Schmerzen.

Es können auch ein bis zwei Tage Symptome wie bei einer Erkältung auftreten, also Fieber, Müdigkeit, Kopfschmerzen und Gelenkschmerzen.

Gibt es auch Nachteile einer Grippeimpfung?

Es kann vorkommen, dass durch die Aktivierung des Schutzes gegen die vier im Impfstoff vorhandenen Grippe-Subtypen der Schutz gegen andere Typen sogar abnimmt. Wenn dann, unerwartet, aber durchaus möglich, ein anderer oder andere Serotypen von Influenza-Viren kursieren, dann kann in Einzelfällen bei den Geimpften die Immunaktivität gegen das nicht durch Impfung erfasste Virus sogar geringer sein, durch Fehllenkung der Aufmerksamkeit des Immunsystems. 

Dennoch bleibt festzuhalten: insgesamt gibt es eine statistisch meist gute Wirkung der Impfung.

Impfen wirkt umso besser, je mehr Menschen geimpft sind

Je mehr Individuen immun gegen eine Krankheit sind, desto eher reißt die Infektionskette ab: Die Erkrankungswelle kommt mit dem Aussterben des Erregers zum Erliegen. Man nennt dieses Phänomen „Herdenimmunität“. Die Pocken konnten auf diese Weise ausgerottet werden. Dazu sind aber sehr hohe Durchimpfungsraten von 80-90 % notwendig, sonst funktioniert das Prinzip nicht.

Die Grippe auszurotten wäre tatsächlich ein lohnendes Ziel. Vermutlich ist das Vorhaben nicht so einfach wie bei den Pocken, schließlich grassiert Grippe völlig unkontrolliert in verschiedenen Tierarten. Doch man kann auch hier positive Effekte sind erreichen, so das Committee on Vaccination and Immunisation (JCVI) und das Robert Koch Institut (RKI). Man muss eben an der richtigen Quelle ansetzen.

Die richtigen Menschen impfen!

Wer sich immer in einer eng umgrenzten, gleichbleibenden Umgebung aufhält, ist weder gefährdet noch gefährdet er andere. Seuchenexperten werten heute gezielt die Multiplikator-Wirkung aus. Besonderes Kopfzerbrechen bereitet die moderne hektische Reisetätigkeit: Früher dauerte es Wochen und Monate, um von Berlin nach Sydney zu reisen. Heute schrumpfen die Abstände zusammen: In wenigen Stunden und Tagen kommt man in jeden Teil der Welt und mit den Menschen reisen auch die Erreger. Fliegen ist heutzutage nicht nur bequem sondern auch gefährlich.

  • Besonders bedeutend ist es daher, dass alle Personen, die viel unterwegs sind, auch einen Impfschutz haben. Das gilt natürlich auch für das Servicepersonal, ob in Verkehrsmitteln oder anderen Punkten mit hohem Publikumsverkehr.
  • Alle Betreuenden sowie Pflegepersonal und Ärzte sollten geimpft sein. Im Augenblick sind nur etwa 40 % mit Impfschutz versehen.

Gerade Personen, die nicht geimpft werden können, profitieren von einer geimpften Umgebung: Schwerkranke und Babys unter 6 Monaten erwischt es seltener bei Impfung der Bezugspersonen.

An der Gefahrenquelle impfen

Besondere Gefahr lauert überall dort, wo die Bedingungen für das Entstehen neuer Viren optimal sind. Wenn ein Tier oder ein Mensch mit mehreren Viren infiziert ist, können Teile der Viren neu kombiniert werden und vollkommen neue Grippeerreger entstehen.

  • Sinnvollerweise sollten alle Menschen, die mit Tieren (besonders Vögeln oder Schweinen) eng zusammenleben oder beruflich damit zu tun haben einen Impfschutz tragen.

Neben der Kontrolle der Orte mit dem höchsten Entstehungsrisiko zahlt es sich aus, Quellen mit dem höchsten Übertragungsrisiko zu schützen.

  • Impfexperten fordern daher, gerade kleine Kinder zu impfen, solange sie die Regeln der Hygiene nicht befolgen können. In dieser Zeit sind sie nämlich sehr freigiebig mit ihren Grippeviren. Mit einer 20-prozentigen Impfrate bei Kindern zwischen 5-18 Jahren seien wesentlich mehr Leben zu retten als mit einer 90-prozentigen Durchimpfung der Senioren, das zeigen die Hochrechnungen.

Die USA und Kanada praktizieren diese Strategie bereits, auch die WHO empfiehlt das Vorhaben. In Europa folgen die Finnen und Belgier der Empfehlung, die Impfkommission (STIKO) in Deutschland hält aber nur die Impfung von Kindern bei schweren chronischen Begleiterkrankungen für notwendig. Besonders schwerwiegend sind bei uns die Bedenken von möglichen schädlichen Nebenwirkungen durch den Impfstoff. In dieser Hinsicht hält man es nicht für vertretbar, Kinder zu impfen, damit andere Menschen davon profitieren. Ohne Frage, ein schwerwiegendes ethisches Problem, aber die Dinge könnten sich schnell ändern.

Quellen/Weitere Informationen

Literatur und Links
  1. Arbeitsgemeinschaft Influenza, Zusammenfassung der aktuellen Grippelage 2019, Homepage, Stand November 2019
  2. N.N.: Kinder impfen, um Alte zu schützen? Leitartikel zur Grippeschutzimpfung in der Ärzte Zeitung, Springer Verlag, 04.10.2013 auf der Grundlage von Halloran ME and Longini IM: Community Studies for Vaccinating Schoolchildren Against Influenza. Science 3 February 2006: Vol. 311 no. 5761 pp. 615-616
  3. Paul-Ehrlich-Institut, Informationen auf der Homepage, Stand Januar 2019
  4. Robert Koch Institut: Aktuelles aus der KV-Impfsurveillance. Impfquoten der Masern-, HPV- und Influenza-Impfung in Deutschland. Epidemiologisches Bulletin. 11. Januar 2016 / Nr. 1, DOI 10.17886/EpiBull-2016-001
  5. Robert-Koch-Institut:Grippeschutzimpfung: Häufig gestellte Fragen und Antworten. Informationen auf der Homepage vom 08.11.2019
  6. Rohde GGU: Influenza: Klinische Symptome, Diagnostik und Therapie. Internist 2011, 52:1047–1052; DOI 10.1007/s00108-011-2859-7
  7. WHO: Positionspapier zur Impfung, Influenza vaccines, WHO position paper. Weekly Epidemiological Record; No. 33, 2005, 80, 277–288